KRITIK

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2

Filmplakat Harry Potter 7_2Aufmerksame Leser der Seite werden bemerkt haben, dass wir nicht die größten Fans des jungen Zauberlehrlings Harry Potter sind. In meinem Fall endete die Faszination, wenn man überhaupt davon sprechen kann, mit dem zweiten Buch der insgesamt siebenbändigen Reihe. Einen jungen Vollwaisen auf eine Zauberschule zu schicken, weil er der „Auserwählte“ ist, kam mir als Fan von sowohl sprachlich als auch inhaltlich wesentlich besseren Büchern von J. R. R. Tolkien, Ottfried Preußler, Marcus Heitz, Tad Williams, Michael Ende und Co. wie ein frevelhafter Raubzug durch die Fantasy-Historie vor. Dabei wurden zuvor beispielsweise doch längst die Fragen nach der Freundschaft, die Joanne K. Rowling so oft durchexerziert, bereits bei Tolkien ausreichend beantwortet, wie auch die Fragen nach der Liebe bei Michael Ende und die Fragen nach dem jugendlichen Kampf gegen das Böse bei Ottfried Preußler.

Doch Miss Rowling hatte es mit „Harry Potter und der Stein der Weisen“ 1997 geschafft, den Nerv der Zeit und vor allem der Jugend zu treffen. Mit ihren sechs weiteren Geschichten über den Zauberlehrling Harry Potter wurden bis 2007 Abermillionen Leser erwachsen. Das Finale, „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ teilte der Rechteinhaber Warner Bros. in zwei Filme auf. Während Potter-Fans diesen Schachzug mit der inhaltlichen Komplexität der Geschichte begründen, sprechen viele Potter-Gegner unverholen von Geldschneiderei, zumal der zweite Film des Finales als 3-D-Spektakel (nachkonvertiert) in die Kinos rollt. Für eine vierköpfige Familie bedeutet dies nicht selten, dass sie bis zu 60,- Euro pro Kino-Besuch an der Kinokasse hinterlegen muss. Ein teures Unterfangen für einen 138minütigen Budenzauber im Kinosessel.

Als (größtenteils unfreiwilliger) Betrachter aller acht Filme, das Wort „Kenner“ will ich an dieser Stelle nicht verwenden, hatte ich mich bereits maßlos über das schnarchige Flüchtlingsvideo einer englischen Reisegruppe, über den ersten Teil der Verfilmung des letzten Bandes, geärgert. Regisseur David Yates hatte die Angst von Harry, Ron und Hermine vor dem immer stärker werdenden Lord Voldemort mit permanenten Kameraflügen über die – zugegeben herausragende – Landschaft übersetzt. Was sollte da also noch kommen, wenn selbst bei eingefleischten Potter-Fans der letzte Buch-Band eher eine Enttäuschung darstellt als ein erwartetes würdiges Ende im Kampf gegen das Böse – kitschiger Epilog inkl. Familienbild mit Nachwuchs inklusive?

Szene aus Harry Potter und die Heiligtümer des TodesDer Abschied ist vermasselt. Das mit Details überfüllte Buch wurde mit stakkatoartiger Schnittfolge auf die Leinwand gewuchtet, und was das Show-Down-Spektakel angeht, so muss konstertiert werden, dass mit protzigen Spezialeffekten und einer reichhaltigen und verführerischen Dichte, die den Erzählstrang wieder einmal überschattet, jeder 10-jähriger Kinobesucher so seine Probleme bekommen dürfte. Nach all dem verwirrenden Gerenne und Gesuche des ersten Teils flüchten sich Buch und Film bei der abschließenden Konfrontation mit dem personifizierten Bösen in eine Zwischenwelt. Harry-Darsteller Daniel Radcliff tritt leichenblass und mit nur einem Gesichtsausdruck „bewaffnet“ vor seinen größten Widersacher.

Er wird nach einem Aufeinandertreffen mit seinem großen Mentor Prof. Dumbledore in einer gleißend weißen Bahnhofshalle, so viel darf man einige Tage nach dem Filmstart an dieser Stelle verraten, wieder auf die Erde zurückkehren, um „Erlöserähnlich“ die Welt zuerst von der bösen Schlange und anschließend vom fiesen, schniefenden Lord „Du-weißt-schon-wen“ zu befreien. Zu diesem Zeitpunkt wird der Potter-Spuk samt Nahtoderfahrung zu einem Ärgernis. Wie gut, dass Joanne K. Rownling kurz vor dem Ende eine Art „Notausgang“ eingebaut hat: Daniel Radcliff wendet sich mit dem zweiten ihm zur Verfügung stehenden Gesichtsausruck an seinen Lehrmeister Prof. Dumbledore: „Professor, ist dies hier wirklich, oder findet es in meinem Kopf statt?“ Daraufhin der durchaus würdevolle Michael Gambon als Prof. Dumbledore: „Es findet in deinem Kopf statt. Aber das bedeutet nicht, dass es nicht wirklich ist.“

Einzig und allein Harrys Ausweglosigkeit ist die Essenz, die diesen letzten Film von seinen Vorgängern unterscheidet. Emotionen werden nun verlangt, Angst, Furcht und wenig später auch Freude. In allen vorherigen Filmen hielt das Drehbuch immer wieder einen Ausweg, einen Notausgang für die Darsteller bereit. Wie soll ein Schauspieler nur darauf seine Rolle aufbauen? Etliche Darsteller, darunter Alan Rickman, Michael Gambon, Maggie Smith oder der nach dem dritten Teil verstorbene Richard Harris hatten zugegeben, dass sie keines der Bücher von Joanne K. Rowling zuvor gelesen hatten. Warum auch? Dieser sowie alle Filme zuvor hatten ihren Betrachter häppchenweise den bedrohlichen Urmächten ausgesetzt: Elemente, Zustände, Figuren und Gestalten, die seit je den Menschen in Religionen und in der Literatur begegnen und die Joanne K. Rowling aus der Fantasy-Welt herausgepickte. Den Darstellern blieb die kleinstmögliche Verabreichung und eine adäquate Reaktion darauf. Actio und Reactio. Für Newton ausreichend, für eine Fantasy-Saga viel zu wenig.

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2



Christian Gertz
nadann Wochenschau..., mehrfilm.de
5/10 ★★★★★☆☆☆☆☆ 


Bernhard Trecksel
Die Wochenschau
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Sascha Westphal
epd film, Die Welt, FR
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Durchschnitt
6.5/10 ★★★★★★½☆☆☆ 





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Eure Kritiken zu Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2

  1. snooge

    Hinterher ist man bekanntlich ja immer schlauer… Hätt ich doch bloß für das große Finale von H.P. meinen Zauberstab aus Einhornhaar und Elbenmist mitgenommen, dann hätt ich nicht nur mein Geldbeutel geschont, sondern auch das Ende schnell herbei gezaubert und so nicht meine kostbare Zeit mit ner doofen Brille auf der Nase verschwendet. Die Freaks hinter mir fanden es toll, ich eher nervig: Wenig Buchanlehnungen, zu viel 3D und das schnulzige Ende… echt nicht! Da les ich doch lieber noch einmal den letzten Band – ohne Pause zwischendrin und für weniger Goldstücke. Aber lesen? Wer will das schon, wenn uns die Filmemacher unsere Fantasie so schön vordoktirnieren können – die Darsteller tuns ja auch nicht!

  2. Udo

    Regisseur David Yates und das ganze Team der letzten beiden Teile liefern mit Harry Potter und die Heiligtümer des Todes den wahrscheinlich besten Harry Potter Film ab (Yates hat die Teile 5,6 auch inszeniert). Zwar fehlen einzelne kreative Geistesblitze (wie etwa die animierte Geschichte der Heiligtümer des Todes aus Teil 7), etwas mehr Gelassenheit aber das wird kompensiert durch eine höchst unterhaltsame und spannende Effektschlacht, die für Fans der Reihe einiges bietet. Ein gelungenes und würdiges Ende.

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