KRITIK

Hard Candy

Hard Candy Wer in der Anonymität des Internet Bekanntschaften schließt, kann sich ja eigentlich sicher sein, dass ihm falsche Identitäten, Vorlieben oder auch Maße vorgegaukelt werden. Der smarte 30-jährige Kunstfotograf Jeff (Patrick Wilson) aber wird von seinem jüngsten Webflirt nicht enttäuscht, im Gegenteil. Die 14-jährige Hayley (Ellen Page), die er in einer Kaffeehauskette zum Schokokuchennaschen trifft, entspricht genau dem Bild der vergnügten Lolita, das er auch auf dem Schirm hatte.

Hayley schlägt ohne Umschweife vor, in Jeffs luxuriöses Yuppie-Apartment zu fahren, wo die artifiziell-lasziven Jungmädchen-Porträts des Motivjägers die Wände zieren und ein paar Wodka-Longdrinks die Stimmung lockern. Bald fordert das Mädchen den Kamera-Mann zu einer erotischen Spontan-Fotosession heraus, während derer Jeff jedoch der Fokus verwischt. Als er wieder zu sich kommt, ist er gefesselt. Hayley, plötzlich von aller naiven Unschuld frei und in einen frühreifen Racheengel verwandelt, beschuldigt ihn, ein Pädophiler und für den Tod einer Freundin verantwortlich zu sein.

Bis hierher erscheint die Kammerspiel-Konstellation über eine fatale Attraktion, die der amerikanische Werbe-Regisseur David Slade mit ästhetischer Kühle entwirft, durchaus vielversprechend. Allerdings lässt der Filmemacher uns nicht lange im Ungewissen über Jeffs Schuld oder Unschuld. Hayley findet belastende Fotos und beginnt mit dem Finger am Abzug ein Folterwerk, das bisweilen schwer erträglich ist. Man sieht zwar nicht viel. Weder das Corpus Delicti, noch die Kastration, die das Mädel im Chirurgenkittel vorzunehmen droht.

Bloß kann keine Rede sein vom subtilen Horror der Aussparung, auch nicht vom Suspense eines wechselvollen Täter-Opfer-Spiels, wie etwa in Roman Polanskis „Der Tod und das Mädchen“ oder Robert Youngs „Extremities“. Nein, Slade legitimiert in dieser vollkommen unplausiblen Foto-Story bloß die Selbstjustiz der moralisch Überlegenen. Da ist auch keine intelligente Reflexion des in der Kunst- und Werbewelt ja viel verbreiteten Lolita-Sexappeals zu erwarten, nein, es wird nur im reißerischen Stil einer Privatkanal-Schmonzette das Pädophilie-Thema missbraucht.



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INHALT

Modefotograf Jeff, um die dreißig, lernt im Internet die 14-jährige Hayley kennen. Bei ihrem ersten Treffen in einem Café ist er überrascht von der Reife und Klugheit des Teenagers - und froh, als sie ohne Umschweife einwilligt, mit in seine Wohnung zu gehen. Von den Drinks, die das Mädchen dort mixt, hätte Jeff allerdings lieber nicht trinken sollen...
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Eure Kritiken zu Hard Candy

  1. Udo

    Trotz Fussball… Hard Candy ist ein durchschnittlicher Thriller. Einem grandiosen Einstig folgt eine zermürmbendes letzte Drittel mit Folter als legitimes Rachewerkzeug. Auch wenn die Aussage alles andere als legitim ist, überzeugen dennoch die Darsteller und die atmosphärische Dichte.

  2. Sarumam

    Schnitt erstklassig, Ton super, Kamera überzeugend. Dieser Film wirkt nach. Wer aber als Mann schon einmal Kastrationsängste hat/hatte, sollte sich diesen überzeugenden Film nicht ansehen 😉

  3. Christian

    Ja, hier wird Folter als moralisch legitimes (Unterhaltungs-)Mittel benutzt. Auch bleibt die Folterorgie am Ende unkommentiert. Folter als Unterhaltungsmittel kennt die Filmgeschichte schon sehr lange. Man denke hier an Dustin Hoffmann in „Marathon Mann“ (1976). Die Kritik an diesem Film allein an diesem Punkt festzumachen ist aber unfair. Der Film ist handwerklich nicht schlecht. Und mehr noch, die Darsteller können vollends überzeugen, allen voran Ellen Page in der Rolle der Hayley.

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