KRITIK

Happy Hour

Bild (c) Real Fiction Filmverleih.

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Ich habe ihr gesagt, dass ich das sooo nicht o.k. finde.„. Die beiden Freunde Wolfgang und Nic trauen ihren Ohren kaum. Soeben erfahren sie von ihrem Freund, dem sensiblen Mittvierziger H.C. (Alexander Hörbe), dass er mit genau diesen ausdruckslosen Worten auf das monatelange Stelldichein seiner Frau mit einem Kollegen reagiert hatte. Aufgedeckt durch eine versehentlich abgeschickte SMS an den falschen Empfänger. Mit dem Text „Happy Hour“. „Ich hätt´ die Alte einfach vermöbelt!“ entgegnet daraufhin sein Schulfreund Wolfgang (Simon Licht), der selbst gerade mit Eheproblemen zu kämpfen hat. Eine Auszeit soll bei H.C., Wolfgang und Nic (Mehdi Nebbou) nach diesem „Vorfall“ nun für Ablenkung sorgen, und zwar in Wolfgangs Cottage in Irland. Ein paar Tage unter Männern, ohne Weiber, ohne Kinder und fern jedweder Alltagsprobleme. Eine vielversprechende Ausgangslage für eine Komödie. Oder doch nicht?

Das Wort „Midlife-Crisis“ will zwar keiner der drei Freunde in den Mund nehmen aber schon mit der ersten Einstellung von „Happy Hour“ wird klar, dass es bei Regisseur und Drehbuchautor Franz Müller genau darum geht. Viel von dem, was in seinem Film passiert, habe er aus seinem Freundeskreis zusammengetragen berichtet der Filmemacher und Mitherausgeber der Filmzeitschrift „Revolver“ vor Publikum in Münster. Eine Aussage, die man ihm kaum glauben mag. Allein die unterschiedlichen Charaktere lassen an einer langjährigen Freundschaft der drei zweifeln. Als da wären: Der stets hyperaktive Wolfgang, Elektrikermeister mit eigener Firma, vielseitig interessiert mit einem deutlichen Hang zur Besserwisserei. Und Nic, der linksliberale Physiker und Frauenversteher, der allen Verpflichtungen am liebsten aus dem Weg geht – nicht nur der zu seinem Sohn.

Szene_happy-hourDiese beiden können und wollen nicht mit ansehen, wie ihr Freund H.C., liebevoller Vater seiner beiden Kinder, Typ Sozialpädagoge, unter den Abenteuern seiner Frau leidet. Zusammengepfercht auf den engen Räumlichkeiten des irischen Ferienhauses merken sie aber schnell, dass sich keiner so richtig weiterentwickelt hat. Alte Konflikte brechen auf. Neid, Mißgunst, die unterschiedlichen Lebensformen, …. Was nach einer explosiven Versuchsanordnung zwischen grünen Hügeln und vor rauer Küste klingt, verpufft jedoch im weiteren Verlauf in den unterschiedlichen Vorstellungen eines gemeinsamen Männerurlaubes.

Regisseur Müller setzt nicht auf die Pointe, auf den Gag, sondern auf die Charaktere. Er lässt seine Darsteller improvisieren. Danach sieht es zumindest aus. Und das mutet zuweilen wie eine fade Parade der Peinlichkeiten an, wenn beispiel der taktgebende Wolfgang seine Freunde zu diversen Kneipenbesuchen inklusive Frauenjagd zu überreden versucht. Bei Müller steht zumindest nicht das Konzept einer Situation im Vordergrund sondern der Weg dorthin. Ein Ansatz, der auch die tiefen Gräben zwischen den Freunden und zutiefst melodramatische Züge innerhalb der Geschichte offenlegt. Das ist zwar ein weitaus ehrlicherer Ansatz als in sämtlichen Schweiger und Schweighöfer-Komödien zusammen, wird aber sicherlich nur bei einem Bruchteil der Zuschauermenge im Vergleich zu Letztgenannten auf Zuspruch stoßen.

Szene_happy-hour_still_2Hat man(n) die Anfeindungen, arroganten Ratschläge und Sticheleien untereinander hinter sich gelassen, entwickelt der Film etwas mehr Tiefe. Oder Müller versucht es zumindest, als plötzlich kleine Frauengeschichten das Szenario erweitern. Im irischen Pub lernen die drei ein paar willige Damen kennen. Und es kommt zum Eigentlichen, zum Wesentlichen, darum, was das Leben ausmacht. Beziehung, Arbeit, Sex, Vertrauen, Treue, Offenheit. Und natürlich haben alle unterschiedliche Ansichten darüber. Die Nacht mit den Frauen vergeht und der Film verliert seinen roten Faden. Was folgt sind Hahnenkämpfe, Besäufnisse und weitere peinliche Treffen mit den Frauen, so dass man hofft, der Film möge doch bitte zum eigentlichen Thema zurückkehren.

Auch die schroffe Schönheit der irischen Landschaft ist bei Müller nur von sekundärem Interesse. So traurig sah Irland selten auf der großen Leinwand aus. Wie der Film überhaupt mehr nach Fernsehen denn nach Kino ausschaut. Nein, „Happy Hour“ ist dann am stärksten, wenn die Idee des Urlaubs scheitert und die Persönlichkeiten der Protagonisten ungebremst aufeinandertreffen. Doch genau wie den Freunden allmählich die Lust an der permanenten gegenseitigen Bespaßung abgeht, genauso schnell verliert auch Müller das Interesse an seinem Thema. Mit dem Ende der „Happy Hour“ mischt sich Resignation in die Reise. Und so ergeht es auch dem Zuschauer nach dem Kinobesuch: Als einer der Freundinnen einen der Protagonisten am Ende fragt, ob der Kurztrip gut war, entgegnet dieser: „Naja, geht so. Aber ich bin froh, wieder zu Hause zu sein.

 

 

 

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