KRITIK

Hänsel und Gretel: Hexenjäger

Plakat zum Film Hänsel und Gretel HexenjägerBlutfontänen, rollende Köpfe und abgehackte Extremitäten, wer hätte noch vor wenigen Jahren gedacht, dass die gute alte Märchengeschichte irgendwann als Splatter-Action reüssieren würde? Ob nun Terry Gilliams „The Brothers Grimm“, die misslungene Adaption „Snow White and the Huntsman“ (weltweites Einspielergebnis 2012 knapp 400 Mio. Dollar) oder eben „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ (Budget von 50 Mio. Dollar wurde in den USA nach nur 3 Wochen wieder eingespielt; und auch in Europa schoss der Film am Startwochenende auf die Spitzenpositionen der Kinocharts), die Frage, ob es sich bereits um einen (beunruhigenden) Trend handelt, darf durchaus mit „Ja“ beantwortet werden. Was ist nur aus dem guten alten Märchen geworden? Und wie würden die ursprünglichen Märchenerzähler über ihre 2.0-Versionen urteilen? Nein, das Schicksal meint es nicht gut mit den alten Kindergeschichten. Hollywood kennt da kein Erbarmen.

Für diejenigen, die das düstere Grimm-Märchen von Hänsel und seiner Schwester Gretel nicht kennen, schickt der erst 33-jährige Norweger Tommy Wirkola in Form einer Exposition eine kurze Zusammenfassung vorweg: Hänsel und Gretel verirren sich im Wald, sie kommen an ein Häuschen – genau – aus Zuckerkuchen fein, sie klopfen an, wer mag nur der Herr von diesem Hause sein? Schon in der nächsten Einstellung sitzt das Geschwisterpaar hinter einem Holzverschlag und muss mitansehen, wie eine fiese Hexe den Ofen vorbereitet. Dass die Hexe mehr an eine Untote, frisch entsprungen aus einem verfluchten Karibikschiff von Gore Verbinski als an eine Märchengestalt erinnert, dürfte bereits der Vorbote für die unheilvolle Geschichte sein, die sich der junge Norweger basierend auf der bekannten Geschichte der Gebrüder Grimm als weiteren Verlauf ausgedacht hat: In Form von Illustrationen, die wie ganz frühe asiatische Tusche-Zeichnungen (!) anmuten, wird die Coming-of-Age-Phase des Geschwisterpaares nachgezeichnet. Hänsel und Gretel verbringen ihre Kinderjahre mit dem Überlebenskampf und mit der Jagd nach Hexen. Ihr Können hat sich im Laufe der Jahre dabei so weiterentwickelt, dass sie zum gefeierten Kopfgeldjäger-Paar geworden sind, das sich für jeden Auftrag fürstlich entlohnen lässt.

Szene aus dem Film Haensel und Gretel HexenjaegerAus diesem Grund werden die kampferprobten Twenty-Somethings nach Augsburg eingeladen, um das Dorfvölkchen von einer bösen Hexe zu befreien. Angeblich hat diese bislang 11 Kinder in ihre Gewalt gebracht. Das erfolgreiche Paar, das in dem beschaulichen (an „Sleepy Hollow“ erinnernden) Dorf sichtlich seinen Ruhm genießt, will am nächsten Morgen aufbrechen, um der bösen Hexe den Garaus zu machen. Warum an dieser Stelle die stets eng taillierte und in enger Lederhose (!) kämpfende Gretel (Gemma Aterton dürfte ihre wahre Freude an den Kampfszenen gehabt haben) lediglich mit einem Nachthemd bekleidet aus dem Bett steigen muss, warum Tommy Wirkola mit einem überflüssigen Erzählstrang (Peter Stormare als eifersüchtiger Amtsrichter) unbedingt für einige zusätzliche (unpassende) Lacher sorgen wollte oder warum die Tonspur bei jeder Hexentötung ein unnötiges Quieken bereithält, das sind nur einige wenige Fragen, die sich am Ende zu einem großen Fragezeichen aufsummieren.

Genre-Afficionados und Splatter-Fans, die der tarantinoesken Tötungswut des titelgebenden Paares vielleicht noch Einiges abgewinnen konnten, werden spätestens dann entnervt auf ihrem Kinosessel hin und herrutschen, wenn es zur finiten „Schlacht“ gegen die dunklen Hexen kommt: Denn neben vielen kleinen Ärgernissen ist eines der größeren, dass sich Wirkola zwar lustvoll in Splatter-Horror-Gefilden bewegt, es ihm aber nie daran gelegen ist, dem Zuschauer den (märchenhaften) Grusel näher zu bringen. Von den überflüssigen Nebenfiguren bis hin zur wenig furchteinflößenden Ober-Hexe (Ex-Bond-Girl Famke Janssen), alles dient dem Zweck, den Hexen-Bodycount zu erhöhen und sich auf der großen Leinwand blutig auszutoben. Mit diesem falschen Schwerpunkt geht die Empathie für die Hauptdarsteller flöten, sie werden zu ansehnlichen Waffenträgern degradiert. So kann es Wirkola letztendlich nicht gelingen, dass sich der Zuschauer für die Schicksale seiner Titelhelden interessiert. Und diesen „Werdegang“ hätten die Gebrüder Grimm für ihren Hänsel und ihre Gretel bestimmt so nicht gewollt.

  



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