KRITIK

Hana, Dul, Sed

Plakat zum Film Hana Dul SedPositive Schlagzeilen sind selten, wenn es um Nordkorea geht. Nach dem Zusammenfall des Ostblocks zählt die Volksrepublik zu den ärmsten der wenigen verbliebenen stalinistischen Staaten. Das Land wird streng diktatorisch regiert. Die Staatsführung steht immer wieder wegen schwerer Verletzungen der Menschenrechte international in der Kritik. Was den knapp über 20 Millionen Koreanern gezeigt werden darf, bestimmt die Staatsführung. Was über die Bewohner des Landes gezeigt werden darf, auch. Vor diesem Hintergrund grenzt es an ein Wunder, dass es zwei Österreicherinnen gelungen ist, eine Drehgenehmigung für ihre Dokumentation über Frauenfußballerinnen zu bekommen. Brigitte Welch und Karin Macher durften über fünf Jahre vier Nationalspielerinnen begleiten, von den ersten Erfolgen bis zum Ende ihrer Karrieren. Zunächst nur auf Turnieren im Ausland, später auch in Nordkorea selbst.

„Hana, Dul, Sed“ (koreanisch für „Eins, zwei, drei“) ist somit alles andere als eine Dokumentation über Frauenfußball. Es ist auch ein Film über die Rolle der Frau in der streng diktatorischen koreanischen Gesellschaft, auch wenn die Sportlerinnen durch ihre Erfolge privilegierter sind als ihre Mitbürgerinnen. Diesen doppelten Blickwinkel unterstreichen gleich zu Beginn zwei Zitate: Das erste ist vom aktuellen Staatspräsidenten Kim Il Sung („Great ideologies create great times“), das zweite von der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Simone de Beauvoir („Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“). Hier trifft also die klassische Sportler-Doku auf die ethnologische Betrachtung einer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, dessen Entwicklung in den 60er Jahren stehengeblieben zu sein scheint und in der sich nicht der Klassenkampf, sondern der Geschlechterkampf in einem ständigen grenzenlosen Spannungsfeld bewegt. Wie passt das zusammen?

Szene aus dem Film Hana Dul SedBrigitte Welch und Karin Macher gelingt beides, weil sich die Perspektiven einander ständig beeinfluss(t)en. Brigitte Welch war es zu Beginn ihrer „Forschungsreise“ gelungen, trotz der Sprachbarrieren, ein persönliches Verhältnis zu „ihren“ Spielerinnen aufzubauen. Und dieses gute Verhältnis spiegelt sich in der Offenheit wieder, mit der die Spielerinnen über ihre Familie, über Ängste, Sorgen und Zukunftsperspektiven reden. Knapp sechs Jahre hatten die beiden Filmemacherinnen an ihrem Film gearbeitet. Ein langer Zeitraum, dem man dem Film ansieht. Denn nicht nur der Schnitt überzeugt. Das Gezeigte wirkt glaubhaft, homogen, befreit vom Pathos ähnlicher Sport-Dokumentationen; die Gespräche wirken fast intim.

Einen großen Anteil am Zustandekommen und am Erfolg dieser sehr sehenswerten Dokumentation dürte die „Vermittlerin“ Ryom Mi Hwa der staatlichen Filmagentur Korfilm gehabt haben, eine „sehr dynamische und engagierte Frau, die über die starren bürokratischen Strukturen hinweg viele Dinge ermöglicht hat“ verrät das Presseheft zum Film. Ihr ist es wohl auch zu verdanken, dass der Film nicht nur vom Aufstieg der Fußballerinnen, sondern auch vom „Abstieg“ und damit auch von der Re-Inkorporierung in die Gesellschaft und in die (neue) Funktion der Hausfrau und Mutter erzählen darf. Ein großes Glück für diesen Film sind auch die Bilder von Kamerafrau Judith Benedikt, der es vor der augenscheinlichen Inszenierung des Wohlstandes und Zufriedenheit dennoch gelingt, die kleinen Absurditäten des koreanischen Alltags einzufangen, wenn beispielsweise eine aufgeregt tänzelnde Verkehrspolizistin den Verkehr auf einer nahezu autofreien Straße regelt oder junge Koreanerinnen in der Abenddämmerung den Vorplatz vor einem Kim Il Sung Denkmal mit einem Handfeger aus Stroh säubern. Alles in allem eine ausgesprochen überzeugende Mannschaftsleistung, vor und hinter der Kamera.



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INHALT

Die österreichische Dokumentation folgt vier Spielerinnen des nordkoreanischen Frauenfußballteams, eines der besten der Welt, während ihrer aktiven Laufbahn und nach dem Ende ihrer Karriere. Dabei wird das weitgehend unbekannte Leben in dem hermetischen kommunistischen Staat - von seinen imposanten Monumenten und pathetischen Gesten bis zu ganz alltäglichen Situationen - wie beiläufig eingefangen
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