KRITIK

Halt auf freier Strecke

Plakat zum Film Halt auf freier StreckeDer Tumor ist ein netter Mann. Thorsten Merten spielt ihn und sitzt in der „Harald Schmidt Show“, plaudert mit dem Moderator darüber, was er da anrichtet, so gänzlich inoperabel im Hirn von Frank Lange. Und Lange sitzt im neuen Reihenhaus am Rande von Berlin und schaut zu. 44 ist er, 45 wird er nicht.

Das personifizierte Krebsgeschwür ist die einzige surreale Brechung, die sich Andreas Dresen in diesem Film leistet, einer neuen Episode seiner Art humanistischen Kinos, das in der deutschen Filmlandschaft sonst seinesgleichen sucht. Schon in „Wolke 9“ richtete Dresen den Blick auf ein sonst ausgeblendetes Thema (Sex im Alter), hier folgt er dem Sterben eines Familienvaters, der in der Mitte seines Lebens die tödliche Diagnose erhält: Hirntumor, drei Monate noch.

Szene aus dem Film Halt auf freier StreckeEs geht ihm dabei nicht nur um den Sterbenden, der seine letzten wachen Tage mit der Handykamera filmt. Mehr noch fragt der Film nach seiner Frau Simone und den beiden Kindern: Wie geht die Familie mit dem Sterbenden um, der zusehends die Kontrolle über Körper und Gedächtnis verliert? Wie ertragen sie seine Persönlichkeitsveränderungen, seine verletzenden Ausfälle? Was der gesunde Mensch zu verdrängen sich bemüht: Hier wird es konkret ausbuchstabiert, mitunter auch so konkret, dass es schmerzt.

Dresens filmische Sterbebegleitung ist in jenem annähernd dokumentarischen und improvisierten Stil gehalten, den er in Filmen wie „Halbe Treppe“ etablierte. Der Arzt etwa, der den Langes in der jetzt schon legendären Anfangsszene in nüchternen, von endlosen Pausen unterbrochenen Sätzen den Tumor erklärt, ist ebenso echt wie die diversen Therapeuten und Palliativmediziner, die sonst noch im Film auftauchen. Perfekt ergänzen sie das Schauspielerduo Milan Peschel (Frank) und Steffi Kühnert (Simone), das dafür hoffentlich alle verfügbaren Filmpreise zugesprochen bekommt: Eine intensivere Leistung hat man lange nicht gesehen.

Und das gilt auch für den Rest des Films: Er ist, man muss es sagen, eine Zumutung. Aber am Ende, wenn die Erleichterung zum Trost der Trauernden wird, stellt sich ein großes Glücksgefühl ein: Ein Film ist dies, der den Tod als Teil des Lebens ernst nimmt, ihn nicht verklärt, verkitscht oder gar dämonisiert. Herausragend.

  

Kritikerspiegel Halt auf freier Strecke



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Christian Gertz
nadan... Wochenschau; mehrfilm.de
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Sascha Westphal
epd film, Die Welt, FR
1/10 ★☆☆☆☆☆☆☆☆☆ 


Durchschnitt
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 





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Eure Kritiken zu Halt auf freier Strecke

  1. Blackplushy

    Dass der Film intensiv und ein „typischer deutscher Film“ sein würde, hatte ich ja schon erwartet. Aber WIE intensiv der Film tatsächlich ist, hat mich dann doch etwas überrascht. Der Film hat keine Actionhelden, Riesenroboter, aufgemotzte Autos oder viel Bang Bang und trotzdem (oder gerade deshalb) macht er so einen Rieseneindruck. Der Film ist extrem realitätsnah und man erkennt viele Sachen aus dem „normalen Leben“ wieder und kann sich deshalb auch so gut in die Situationen hineinversetzen. Die Schauspieler sind wirklich grandios. Der Film macht nicht gerade gute Laune, aber es ist fantastisch und absolut empfehlenswert, ihn sich anzuschauen! Man muss allerdings Lust darauf haben und sich eventuell schon etwas emotional darauf einstellen. 100 Punkte 🙂

  2. Eliza

    Ein grossartiger Film! Nicht verpassen. Nur wenn man in letzter Zeit einen Angehörigen verloren hat, ist er nicht ganz so passend. Sonst, reingehen!

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