KRITIK

Habemus Papam – Ein Papst büxt aus

Plakat zum Film Habemus PapamWeißer Rauch steigt auf, die Freude ist groß, und von der Mittelloggia am Petersdom aus wird verkündigt: „Habemus Papam!“ Doch der auserkorene französische Kardinal Melville erscheint nicht. Der Balkon bleibt leer, es ertönt kein Urbi und kein Orbi. Warum? In Nanni Morettis Komödie haut die Verantwortung, die fortan auf ihm lasten soll, den Zweifler Melville aus der Kurve. Noch während der Kardinalprotodiakon die geglückte Papstwahl annonciert, erleidet der Über-Achtzigjährige einen Nervenzusammenbruch. Der Pressesprecher des Vatikans verkauft die päpstliche Verweigerung nach außen als Akt der Demut, nach innen freilich wird ein Psychoanalytiker zurate gezogen.

Szene aus dem Film Habemus PapamDoch Professor Brizzi (den Moretti selbst spielt) hat keinen Erfolg. Schließlich darf er den Pontifex nach allem, was relevant wäre, nicht fragen: Kindheit, Mutter, Sexualität gar, alles tabu. Dann setzt sich Melville ab, taucht robenlos unter in Rom, gibt sich in zivil als Schauspieler aus, schließt sich einer Theatertruppe an und findet erst abseits des Vatikans, unter Normalbürgern, wieder zu sich selbst.

Morettis Film, den die katholische Zeitung „Avvenire“ schon vor seiner Premiere in Cannes zu boykottieren empfahl, ist weder ätzende Satire noch Abrechnung mit kirchlichen Hierarchien, eher eine absurde Komödie, wenn zu Beginn etwa die Kardinäle im Konklave in der Sixtinischen Kapelle beten, dass Gott „diesen Kelch“ an ihnen vorbeigehen lassen möge, oder wenn Brizzi, der Psychoanalytiker, die ausharrenden Ordensträger zum psychodynamischen Volleyballspiel animiert. Satirischer Spott trifft höchstens den Medienwirbel, der um die Papstwahl veranstaltet wird, konzentriert sich auf salbadernde Journalisten und den eilfertigen Pressesprecher.

Szene aus dem Film Habemus PapamVerglichen mit seiner Berlusconi-Demontage „Der Italiener“ ist Moretti hier also milde gestimmt, so milde, dass seine Selbstfindungsgeschichte oft sogar abbricht an den Stellen, an denen sie hätte tiefer gehen können. Auf jeden Fall aber bereitet sie einem Altmeister des europäischen Kinos eine adäquate Bühne: Michel Piccoli ist für diesen Melville die Idealbesetzung, verschmitzt, verzweifelt, renitent, ein differenziertes Meisterstück. Sehenswert.

  

 



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