KRITIK

Grosse Erwartungen

Plakat zum Film Grosse Erwartungen Wenn im Advent der Schnee einige Teile des Landes bedeckt und die Menschen glühweinbefeuert den Feiertagen entgegenschwingen, überkommt selbst den technophilsten Twitterer beizeiten die Sehnsucht danach, sich mit einem dicken Roman aus Papier im Ohrensessel niederzulassen, um sich dort in ferne Zeiten entführen zu lassen. Ist es nicht so? Wie wäre es dann mal wieder mit Dickens?

Regisseur Mike Newell („Prince of Persia“) nimmt den Hektikflüchtlingen allerdings die Lektürearbeit ab und legt eine brav werkgetreue Wiederverfilmung von „Great Expectations“ vor, düster bebildert, aber ohne neue Ideen, die über David Leans klassisch gewordene Kinoversion von 1946 hinausgehen würden. Kann es Newell denn mit Alfonso Cuaróns erfrischend modernisierter Variation von 1998 mit Ethan Hawke und Gwyneth Paltrow aufnehmen? Nein. Also auf ein Neues: Waisenjunge Pip kommt ins Spukschloss der gruseligen Miss Havisham, verliebt sich in deren kaltherzige Adoptivtochter Estella, bekommt von einem unbekannten Gönner viel Geld geschenkt, wird in London zum Gentleman ausgebildet und erfährt schließlich die ganze verwickelte Wahrheit über seine Vergangenheit. Horror und Melodram, Satire und Lovestory: Das Buch von 1861 birst nur so vor konträren Atmosphären, und Newell versucht alles in seinen Film hinein zu quetschen.

Szene aus dem Film Grosse ErwartungenFruchtbar wird das, wo ihn furiose Darsteller dabei unterstützen: Robbie Coltrane als Anwalt, Helena Bonham Carter als rachedurstige Einsiedlerin, Ralph Fiennes als Sträfling, Sally Hawkins als viktorianische Schreckschraube vom Land. Leider aber bleiben Jeremy Irvine („Gefährten“) als Pip und Holliday Grainger („Die Borgias“) als Estella blass – so fehlt dem Film neben einem originellen Zugang auch noch das emotionale Zen­trum. Der cineastische Ohrensessel war jedenfalls schon mal behaglicher. Diese uninspirierte Dickens Neu-Verfilmung kann man getrost auslassen.

  



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