KRITIK

Green Room

Bild (c) Universum Film.

Bild (c) Universum Film.

Zwei Jahre ist es her, da konnte Jeremy Saulnier das Publikum in Cannes mit seinem stramm gesponnenen Suspense-Thriller „Blue Ruin“ für sich gewinnen. Mit „Green Room“, seinem dritten Kinofilm, setzt er seine grimmige Reise zum Ende des blutigen Teils des Regenbogens in die hinterwäldlerischen Gefilde der USA fort. Zentrum der Handlung ist eine Gruppe Punkrocker, die sich kratzend, beißend, schlagend und schießend ihren Weg aus den Fängen einer Neo-Nazi Bande im finstersten Oregon bahnen muss. Auf unangenehme Art beweist Saulnier erneut einen messerscharfen Sinn für Filmkunst und mischt dies mit einem guten Cast, darunter eine hervorragende Imogen Poots sowie Patrick Stewart in einer ungewöhnlichen Rolle. Leider kommen in dem Blutbad die Tiefen der Charaktere und die emotionale Investition zu kurz. Als kleinen Ausgleich dafür lassen aber Druck und Spannung im dritten Akt bis zum anti-klimatischen Finale nicht nach.

Mit dem richtigen Marketing dürfte „Green Room“ bei den Fans zünden und die Karriere von Saulnier deutlich anfeuern. Zumal Cannes sich besonders für die unabhängigen Stimmchen des us-amerikanischen Genrekinos als geeignetes Sprungbrett erwiesen hat. Dort jedenfalls war das Publikum laut Zeugenaussagen mehr als angetan. Dabei ist „Green Room“ im Vergleich zu „Blue Ruin“ ein weitaus weniger ambitionierter Sprung nach vorne. Mit seinem dritten Spielfilm demonstriert Saulnier vielmehr sein Händchen für Formalität und Budgetierung im Hinblick auf pure Exploitation im Sinne eines blutdurstigen Publikums. Als Bewerbung für eines der großen Studios dürfte sich „Green Room“ daher als gnadenlos effektiv erweisen.

Im Horror unser Tage macht sich, zum Glück, eine starke Affinität zur Bodenständigkeit der 80er breit. „Green Room“ bildet da keine Ausnahme. In Punkto Blutvergießen geht es hart zu, aber langsam aufgebauter Schrecken geht hier vor digitalem Spektakel. Dennoch wendet sich Saulnier sichtbar von den John Carpenter Pastiches im Stile von Adam Wingard und Ti West ab und sucht sich seine Inspiration im finsteren Ecken britischer Video Nasties. So sind im Soundtrack dann auch keine unterkühlten Synthesizer zu hören, sondern sortenreiner Punk mit Ausbrüchen in Richtung Metal.

Szene_Green_RoomEin Teil des Soundtracks entspringt den Saiten der filmeigenen Punkband Ain’t Rights. Richtig rund läuft es für Sänger Tiger (Callum Turner), Bassist Pat (Anton Yelchin), Gitarrist Sam (Alia Shawkat) und Drummer Reece (Joe Cole) jedoch nicht. Dem Zuschauer werden sie in schrecklich verkatertem Zustand, gestrandet mit ihrem Tour-Van in einem Feld, vorgestellt. Da sie sowohl hungrig auf Gigs, als auch ein wenig verzweifelt sind, haben sie eine Buchung für einen entlegenen Skinheadladen im hintersten Oregon angenommen. Dieser wird nicht nur von den örtlichen Neonazis frequentiert, sondern auch von ihrem Chef, dem gnadenlosen Darcy (Patrick Stewart, der es sichtlich genießt absolute Bedrohung zu spielen), betrieben. Bis auf einen Hang zu sehr eng geschnittenen Beinkleidern hat er mit dem Jane Austen Charakter übrigens nichts gemein.

In genau jenem Club machen sich die Ain’t Rights – von Beginn an für den Laden nicht die richtige Kapelle – direkt noch weniger Freunde, in dem sie das Nazi-Skin-Publikum mit dem Dead Kennedys Klassiker „Nazi Punks Fuck Off“ begrüßen. Ihr Plan, danach schnell in der Nacht zu verschwinden, scheitert durch den Mord an einer jungen Bedienung des Ladens. Gemeinsam mit der besten Freundin des Opfers Amber (Poots) sieht sich die Band plötzlich im Fadenkreutz von Darcys Handlagern, die sehr darum bemüht sind, alle Zeugen der Bluttat blutig aus dem Leben treten zu lassen.

Szene_Green_Room_2In einem Moment irrationaler Panik verbarrikadieren sich die Ain’t Rights mit Amber im Backstagebereich – einem grünen Raum. Der dort allzu rasch geschmiedete Fluchtplan und seine grausigen Auswirkungen bestimmen den Rest des Films. Die Nazi-Skins haben, wie für ihre Art zu erwarten, eine amtliche Sammlung an Mordwerkzeugen und Kampfhunden im Gepäck. Die Punks jedoch erweisen sich gezwungenermaßen als recht einfallsreich und haben mit der zynischen Amber einen wahrhaften Joker in der Hinterhand.

Nach 60 Minuten grell unterhaltsamem Katz-und-Maus Spiels kommt der Spaß ein wenig zum erliegen, denn irgendwann wird klar, dass keine neuen Hindernisse mehr zu erwarten sind. Die Erzählung wendet sich dem üblichen Horror-Haus-Schema zu. Wo „Blue Ruin“ sich mit komplexen menschlichen Impulsen und einem psychologischen Subtext unter der dichten Schicht an Rache erging, fehlt „Green Room“ der nötige Feinschliff. Leider kommt auch Patrick Stewart in der zweiten Hälfte zu kurz. Imogen Poots jedoch weiß zumindest ihre Amber mit einem Innenleben jenseits der klaustrophobischen Einschränkungen der Handlung zu füllen.

Die grimmige Spannung wird dennoch gekonnt aufrechterhalten. Sogar dann, wenn Saulniers erneut selbst verfasstes Skript und Julia Blochs sonst scharfer Schnitt auf den letzten Metern die Spannung auflösen. Besonders hilfreich erweist sich Saulniers neuer Kameramann Sean Porter, der die Enge und schmutzige Beleuchtung des Ladens eindrucksvoll transportiert. Ebenfalls Applaus verdienen Bühnenbildner Ryan Warren Smith für das „schmutzige“ Design und die metzelfreudige Maskenbildnerin Jessica Needham. Ab 02. Juni im Kino deines Vertrauens.

 

 

 

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INHALT

Ein absolutes Worst-Case-Szenario: Mit dem letzten Tropfen Benzin und völlig abgebrannt, schafft es die Punkband "Ain´t Rights" gerade noch zu ihrem Gig in einer entlegenen Kneipe im amerikanischen Nirgendwo. Das Publikum besteht ausschließlich aus Nazi-Skinheads und der Plan, sofort nach dem Auftritt abzuhauen, scheitert, als sie unfreiwillig Zeuge eines brutalen Mordes werden. Der gnadenlose Anführer der Nazi-Gang, Darcy Banker (Patrick Stewart), befiehlt seiner Kampftruppe, alle Zeugen des Verbrechens zu eliminieren. Die Band verbarrikadiert sich gemeinsam mit der Skin-Braut Amber (Imogen Poots) im Backstageraum. Es folgt ein erbarmungsloser Showdown Skins vs. Punks. Als der Bodycount steigt, müssen sich die Überlebenden etwas einfallen lassen, um dem grausamen Katz-und-Maus-Spiel ein Ende zu bereiten ... (Text: Universum Film)
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