KRITIK

Gravity

Plakat zum Film Gravity„How beautiful. The sun is shining on the Ganges river.“ – Welche Macht besitzt Schwerkraft, wenn man ihr im All in einem unfreiwilligen Überlebenskampf ausgesetzt ist? Und diese somit enorme Kräfte in einem Menschen hervorruft, von denen das Publikum glaubt, dass diese niemals existieren könnten? Dieses sich im metaphorischen Sinne also wie ein Mensch fühlen darf, der nun endlich frei von innerer Verzweiflung und althergebrachten Ängsten ist, welche durch unsere wirtschaftlich und sozial korrumpierte Welt hervorgebracht werden?

In seinem neusten All-Survival-Thriller „Gravity“, der eben nicht klassisches Erzählkino, sondern reine, impressionistische Kunst, ja ein Abstraktum mit Suchtgefahr mit in den Bildern versteckten klugen Botschaften, irgendwo angesiedelt zwischen Douglas Trumbull´schen Kino-Technizismus und sozialer Menschheits-Kritik von Ray Bradbury ist, geht Regisseur Alfonso Cuarón diesen Fragen in packender Art und Weise auf den Grund. Und überlässt es vor allem gegen Ende der kurzweiligen 91 Minuten Laufzeit dem Publikum selbst, diese adäquat zu beantworten. Ebenso erreicht der Mexikaner mit seinem aktuellem Thriller ein inszenatorisches Niveau, welches im All-Thriller-Genre immer seltener erreicht wird. Denn er bürstet „Gravity” auch Dank vieler, leiser zwischenmenschlicher Töne, also der notwendigen Reduktion der Dramaturgie in den entscheidenen Momenten, konsequent gegen den Strich, so dass die Erwartungen des Popcorn-Publikums, einer reinen neunzig minütigen, sinnbefreiten Materialschlacht des modernen Blockbuster-Kinos beizuwohnen, welche nun zur Abwechslung einmal im All stattfindet, am Ende konsequent unterlaufen werden. Glücklich mit „Gravity“ werden nicht nur all jene werden, die sich auf der Suche nach der Quintessenz des modernen Science-Fiction-Thriller-Kinos der letzten 30-40 Jahre befinden. Sondern auch diejenigen, welche einem meisterhaftem Konglomerat aus surrealen Einschüben  und vielerlei herumschwirrenden Symbolen entgegen blicken wollen.  „Gravity“ entpuppt sich halt als packendes Thriller-Exponat und als eine Bestandsaufnahme unserer modernen, existenziellen Befindlichkeiten, welche als Stärke ihre dokumentarische Genauigkeit und inszenatorische Gelassenheit ausspielt. Also in ruhigen Phasen konsequent das Gefühl der existenziellen Hoffnungslosigkeit vermittelt. Und genau im richtigem Augenblick, bevor sich enormer, dramaturgischer Leerlauf einschleichen kann, darf das Publikum Dank Alfonso Cuaróns präziser Regie wieder einem neuen Spannungshöhepunkt und  mitreißenden, verblüffend virtuosen, einfach perfekt miteinander verschmelzenden Action-Plansequenzen entgegen fiebern.

Alfonso Cuaróns prominentes Darstellerpaar Sandra Bullock und George Clooney offenbart sich in all der in „Gravity“ auf das Publikum einstürzenden Dramatik einfach als ein formalästhetisches Abbild. Zum einem verkörpert Sandra Bullock als Dr. Ryan Stone im klassischen Sinne nämlich die Ängste des Publikums selbst, einer momentan vorherrschenden, existenziellen (globalen) Krise nicht gewachsen zu sein. Thematisiert wird all das durch diverse, auf das Publikum einstürzende „daily issues“. Wie zum Beispiel der Angst des endgültigen Verlustes des Jobs, weil man nicht richtig für eine Aufgabe (hier im All) qualifiziert, also einfach nur „Job hopper“  ist. Oder der Furcht davor, den eigenen Nachwuchs komplett dabei zu vernachverlässigen. Dr. Ryan Stone muß ständig an diesen denken. Und fürchtet später sogar,  der in diesem Sinne dann zur Schau gestellten, angsteinflößenden Übermacht des Alls  als auch dessen damit verbundenen Kräften nicht gewachsen zu sein. Sie stellt also mit ihrer teils labilen Psyche bzw. Dank einer guten, schauspielerischen Leistung halt einen wichtigen Draht zu eben diesem her. Als viel interessanter hingegen entpuppt sich hingegen der Auftritt von George Clooney als erfahrener Astronaut Matt Kowalsky (George Clooney), der als Gegenpart zu Dr. Ryan Stone zu weiten Teilen mit einer selten gesehenen und sehr sympathischen Laissez-Faire-Haltung das Publikum auf „Sightseeing-Tour” durch die Weiten das All führt. Und der sichtlich Spaß dabei hat, einige subtile Breitseiten auf die Dummheit der modernen Menschheit abfeuern zu dürfen. Schaut man im All auf unsere moderne Welt hinab, muß man sich halt sehr wundern, das aktuell immer noch Kriege (Ukraine, Syrien, Irak) geführt werden und wirtschaftliche, soziale als auch ökologische Defizite vorherrschen, die wir Menschen einfach nicht in den Griff bekommen können.

„Half of North America just lost their Facebook.“ –  Aber wir haben doch in Harvard studiert. Daher sind wir überdurchschnittlich klug. Und tanzen lieber Macarena im All, obwohl unsere Welt schon seit geraumer Zeit selbst verschuldet im sterben liegt…Schaut man sich unsere bis jetzt zerstörte Umwelt beispielsweise an. Über all diese Dinge beziehungsweise den dazu passenden, per Monolog evozierten, leisen Satire-Anflügen von George Clooney darf man sich also gerne seine Gedanken machen, bevor man mit der beginnenden „Survival-Show” von Sandra Bullock auf sich allein gestellt zurückgelassen wird. Science-Fiction Dramen wie Stanley Kubricks „2001″, Ridley Scotts „Alien” und Ron Howards „Apollo 13″ werden zwecks Formung einer kinematographischen und atmosphärischen Dichte dann einmal mehr als filmische Vorbilder bemüht. Matt Kowalsky (George Clooney) ist in diesen, inszenierten Momenten halt nichts anderes als das typisch amerikanische „Gute“ von gestern. Er versucht also auf manchmal ruhige und dann wieder verzweifelte Art, da er die Dummheit und Ignoranz der Menschen längst durchschaut hat, etwas an der  eigenen, aktuellen Lage zu ändern, zumindest die Situation im All zwecks des gemeinsamen Überlebens der Menschen noch unter Kontrolle zu halten. Aber selbst das schafft er trotz seiner immensen Erfahrung irgendwann nicht mehr. „Gravity“ entpuppt sich in diesem Moment dann als kammerspielartige Geburts-Prozedur der modernen Menschheit: Das einzige was noch aktuell Rettung für Sandra Bullock alias uns, die Menschen (im Publikum) verspricht, ist eine chinesische Raumstation in unmittelbarer Nähe,  die uns ein neues, stabiles Fundament liefert. Auf dem eine Amerikanerin ihren Fuß setzt. Sandra Bullock alias Dr. Ryan Stonen schließt also gezwungenermaßen einen Pakt zum überleben. Der Chinese hilft uns also aus unserem Dilemma, ein neuer, gesellschaftlicher Status Quo wird etabliert. Das alte, US-amerikanische in Form von George Clooney hat durch dessen dahin scheiden dagegen ausgedient. Etwaige Anspielungen auf unser tagespolitisches Geschehen sind in Alfonso Cuárons Survival-Thriller „Gravity“ somit mehr als nur rein zufällig zu entdecken.

„I know, we’re all gonna die. Everybody knows that. But I’m going to die today. Funny that… you know, to know. But the thing is, is that I’m still scared. Really scared. Nobody will mourn for me, no one will pray for my soul. Will you mourn for me?“ –  Dieser betörende Größenwahnsinn mit einer Lässigkeit gepaart, die ihresgleichen sucht: wenn Sandra Clooney und George Clooney als streitendes Paar zu sphärischen Countryklängen im All ihre persönlichen Differenzen beiseite legen müssen, könnte man auch ebenso Frank Corvin und Hawk Hawkins aus „Space Cowboys” dabei beobachten, wie sie mit Stil und viel Selbstironie auf IHR unvermeidliches beziehungsweise das unvermeidliche Ende der Menschheit zusteuern, vor dem schon Ridley Scott in seinem Science-Fiction Meisterwerk „Blade Runner“ gewarnt hat. Alfonso Cuarón vermag diesen bekannten, erzählerischen Facetten nichts Neues hinzuzufügen, diese kleine Schwäche vermag den positiven Gesamteindruck von „Gravity” am Ende aber kaum zu trüben. Aber ist es eigentlich nicht relativ, wie das Ende der Menschheit, das Sterben unserer Welt, der Erde also, herbeigeführt wird? Denn das Universum dehnt sich sowieso immer weiter aus. Irgendwann endet alles in einem „Big Rip.“ Und darum sind Kriege, ökologische wie ökonomische Probleme auf unserer Erde doch so was von bedeutungslos, nicht wahr?. Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) wird sich in der letzten Minute dieser Sache einfach bewußt. Da sowieso eines Tages zu Ende geht, sollten wir lieber dankbar dafür sein, das wir bis dahin überhaupt leben durften, das wir Teil eines größeren, rational nicht zu erfassenden sind, das die Schwerkraft ins Leben geruft hat. „Danke“ ist das letzte Wort von Sandra Bullock, bevor sie wieder die Erde berührt. „Gravity“ entpuppt sich also als zutiefst melancholischer Survival-Trip. Wir sollten bis zum Ende von „allem“ halt das beste aus unserem Leben und uns endlich frei von allen Ängsten, Sorgen und Problemen machen, die bei einem Blick ins All einfach nichtig werden. Nicht der Technizismus zählt, sondern die Natur, wenn sich Sandra Bullock wie ein „Fish out of the water“ auf einer tropischen Insel in die Ursprünge zurück begibt.  Und wie ein Kind das laufen dabei neu erlernen muss.  Beziehungsweise wie die gesamte Menschheit, die noch nicht zu sich selbst gefunden hat.

„Gravity” stellt also wie erwähnt kein kühnes und revolutionäres Erzähl-Kino, sondern als erstklassiges visuelles Filmerlebnis eine geschickte, spannend inszenierte und längst überfällige „Evolution” des All-Thriller Genres, insbesondere der mittlerweile üblichen Bowman´schen Astronauten-Pendelei in der Schwerelosigkeit, hier- und da ergänzt um bisher kaum vernehmbare, umherirrende Gefahren, 360° Turns bzw. bis dato fehlende Achsen, neben aller Bildgewalt von Stammkameramann Emmanuel Lubezki, ergänzt mit nachdenklich machenden Gegenwarts-Botschaften, dar. Unser seit Stanley Kubricks „Weltraum-Odyssey” in den Köpfen präsentes Bild des beängstigenden, weil alles einnehmenden Alls, wird nun auf visueller Ebene komplettiert.  Alfonso Cuaróns Survival-Odyssey „Gravity” ist im Heimkino mittlerweile Pflichtprogramm. Und darf sich zu den besten Vertreten im Weltall-Doku/Thriller-Genre gesellen.

 

 



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INHALT

Die brillante Bio-Medizinerin Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) geht auf ihre erste Raumfahrts-Mission. An ihrer Seite der Astronaut Matt Kowalsky (George Clooney), ein Veteran auf seiner letzten Mission vor dem Ruhestand. Doch ein Routineausflug außerhalb der Kapsel endet im Desaster. Ihr Shuttle wird zerstört und die beiden sind plötzlich ganz alleine im dunklen, schwarzen All. Um sie herum ist Stille. Sie haben jeden Kontakt zur Erde verloren und es gibt keine Hoffnung auf eine Rettung. Einzig durch ein Band zwischen ihnen werden sind die beiden miteinander verbunden und verlieren sich gegenseitig nicht auch noch. Angst wird zu Panik und jeder Atemzug frisst etwas mehr von dem wenigen Sauerstoff auf, den sie noch haben. Und die einzige Möglichkeit jemals wieder nach Hause zu kehren, scheint tiefer in den dunklen weiten Weltraum vorzudringen.
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