KRITIK

Gran Torino

Gran Torino Clint Eastwood ist der Typ, dem vermutlich jeder Amerikaner einen Gebrauchtwagen abkaufen würde. Der Mann verkörpert so etwas wie die weiße Sehnsuchtsmitte seines Landes. Er ist Republikaner, aber nicht zu rechts. Er verteidigt den freien Waffenbesitz, hat aber schon lange mit seiner „Dirty Harry“-Vergangenheit gebrochen. Er ist ein Machotyp, kokettiert aber gern mit seiner gefühligen Seite. Man liebt ihn für seinen erdigen Patriotismus, er steht für Vertrauenswürdigkeit und Kontinuität – kurzum: für das andere, bessere Amerika. Die Studiobosse, hat Eastwood kürzlich gespottet, bekämen ja alle feuchte Augen, wenn sie ihn mit seinen bald 80 Jahren übers Gelände laufen sähen. Clint Eastwood tritt nur noch sporadisch in den Filmen auf, die er selbst inszeniert, aber den Walt Kowalski in „Gran Torino“, den wollte er sich ganz offensichtlich nicht entgehen lassen.

Eine Figur wie für ihn erfunden. Walt hat lange Jahre bei Ford am Fließband gestanden und seinem Land außerdem im Koreakrieg gedient. Heute sitzt der Rentner fast nur noch auf seiner Veranda, kippt Bier und flucht über die Einwanderer seines Viertels. Auch mit diesen derb rassistischen Schmähtiraden spricht Eastwood, bei aller ironischen Distanz, wohl einer Mittelschichts-Mehrheit seiner Landsleute aus dem Herzen – nicht, weil sie alle heimliche Faschisten wären, dann hätte ja kaum Obama gesiegt, sondern weil sie die Nase voll haben von der verordneten Political Correctness und nicht mehr Acht geben wollen auf ihre Witze.

Eastwood erteilt ihnen die Absolution, indem er Walt Freundschaft schließen lässt mit den asiatischen Nachbarn. Und das ausgerechnet, nachdem der Sohn dieser Hmong-Familie seinen alten Ford Gran Torino zu stehlen versucht hat. Die Szenen dieser Annäherung an den jungen Thao und dessen Schwester Sue bergen ihre ganz eigene Komik, und sie sind, in der Eastwood-typischen Bärbeißigkeit, auch berührend.

Walt Kowalski greift bald zur Schrotflinte, um sein verfallendes Viertel von der Plage der Jugend-Gangs zu befreien, und dabei ist Eastwood erst recht in seinem Element. Ein gealterter Held, der’s noch einmal wissen will, sich dabei aber selbst mit einem Lächeln über die Schulter schaut. Um sich herum lässt der Regisseur in diesem Suburbia-Exkurs indes ein paar Karikaturen zu. Er scheint auch zu wissen, dass letztlich nur auf einen Verlass ist: auf Clint.



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INHALT

Nach dem Tod seiner Frau igelt sich Koreakriegsveteran Walt Kowalski ein, zieht sich zurück auf die Veranda seines Häuschens in einer Vorstadt von Detroit und sieht zu, wie sein Amerika vor die Hunde geht. Das Fass zum Überlaufen bringt der Nachbarsjunge der verhassten Hmong-Familie, der auf Geheiß einer ansässigen Gang Walts 72er Gran Torino stehlen soll. Als die Tochter der Nachbarn belästigt und deren Sohn eines Nachts von einer Gang angegriffen wird, schlägt sich Walt auf deren Seite. Genug ist genug. Das macht ihn zum Helden der Nachbarschaft, aber bringt ihn auch in akute Lebensgefahr.
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Eure Kritiken zu Gran Torino

  1. Manni

    Clint Eastwood überzeugt einmal mehr. Ein Meistwerk.

  2. nina

    wow, wow, wow! bin noch immer ganz begeistert!

  3. Kris

    Naja, wirklich authentisch wirkt der Protagonist leider nicht und so hat man das Gefühl, 116 Minuten Clint Eastwood und nicht Walt Kowalski mit dessen Historie zu sehen. Nichts desto trotz ist der Film gute Unterhaltung, verdammt gute sogar und deswegen allemal sehenswert!

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