KRITIK

Gosford Park

Gosford Park Siebzig Jahre ist die Geschichte alt, die uns Robert Altman in seinem oscarprämierten Werk so wunderbar präsentiert. Und weil sie ein Gesellschaftsdrama ist, fragt man sich, warum greift der Mann in die staubige Kostümkiste? Reiche Snobs und ekelhaft dumme Herrschaften gibt es doch auch heute jede Menge, nicht zuletzt im vermeintlich neuzeitlichsten aller Staaten, den USA?

Aber Altman wählte wohl vergangene englische Verhältnisse, weil er für seine Geschichte das beste Ensemble genau dort, also in England bekam, und jeder dieser Männer und Frauen so spielen kann, dass die Geschichte einen Geschmack bekommt, der sich zusammensetzt aus dünkelhafter Tradition, unglaublicher Loyalität, spleenigster Exaltiertheit und einer Gefühlstiefe, die der Kontinentale den Briten gar nicht zutrauen mag.

Dass es dem Amerikaner in Gosford Park darum geht, die feine Welt mit der ihrer Dienerschaft zu kontrastieren, dass er gleichzeitig auf die Übereinstimmung dieser Welten in den meisten menschlichen Gefühlslagen verweist – und letztere Übereinstimmung in einem herrlichen Gegeneinanderschneiden und Durchdringen dem Zuschauer geradezu aufzwingt – dieses Beides ist evident und vielfach schon oft besprochen worden. Und manche Kommentatoren nannten schon Vorlagen, die da Besseres zeigten (insbesondere Renoirs „La Regle du Jeu“ von 1939).

Doch Altmans „Gosford Park“ will auch weniger angreifen, entlarven, sein virtuos gelenkter Bilderreigen ist reines Schau- und Hörspiel, seltene Kammermusik mit größerem Ensemble, hervorragend inszeniert und besser noch gespielt von fast jedem einzelnen. Der Film ist auf keinen Protagonisten fixiert, jede Berührung, jedes Lachen, jeder schiefe Blick trägt den Film weiter.

Und über alle Komik, verkörpert von der wunderbaren Maggie Smith als Lady Trentham, zeigt er immer wieder – und das jeweils nur in Andeutungen – menschliches Elend auch unter der Oberflächenschönheit oder jenseits der vermeintlichen Sicherheit des Reichtums. Und er zeigt die Reinheit der Naivität. Oder die Kälte der einsamen Alleshabernichtse. Oder die Einsamkeit der Unversöhnlichen. Und gerade an diesen Stellen ist Gosford Park so stark wie „Short Cuts“ und so bewegend wie „Prêt-á-Porter“. Womit wir vielleicht wieder am Anfang wären: Altman erzählt diese Geschichte deshalb in länger schon vergangenen Zeiten, weil er die Geschichten aus unserer Zeit bereits vor kurzem noch erzählt hat.

  



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INHALT

Die Handlung, so einfach wie verworren, erscheint gleich von Anfang an: Ein paar englische Snobs, die einen von adliger Herkunft, die anderen sonstwie exotisch und damit sonstwie privilegiert, treffen im November, Anfang der Dreißiger Jahre, an einem Regentag auf einem englischen Landschloss ein; unter anderem zur Jagd. Die Gesellschaft reist mit Rolls-Royce an, die meisten mit Diener oder Dienerin, vorne, beim Chauffeur. Man quartiert sich ein, trifft sich zum Dinner, zum Lunch, zum Frühstück, zum Kartenspielen oder einfach nur so zum Plaudern auf weichen Sofas, vor blumiger Tapete auf der Seapictures in Öl hängen neben Porträts, gleichfalls in Öl.
Irgendwann geschieht ein Mord, die hinzugezogene Sherlock-Holmes Karikatur löst natürlich gar nichts, dennoch klärt sich alles, und an einem beinahe sonnigen Tag reisen alle wieder ab, ein paar mehr als gekommen waren. Und richtig: da gibt es auch noch eine ganze Menge Dienerschaft, die das gerade geschilderte überhaupt erst ermöglicht; den Mord inklusive.
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Eure Kritiken zu Gosford Park

  1. tine

    gut.ein sehr gediegenes stück film mit glänzenden darstellern (ich möchte emily watson noch öfter auf der leinwand sehen!) viel ruhiger als die früheren altman-filme, vor allem da er nur an einem ort spielt. der film fordert viel aufmerksamkeit. ich hätte noch stundenlang zuschauen können.

  2. Manni

    Ein MeisterwerkWer aus dem Kino kommt nach diesem Film, weiss, dass

    er ein Meisterwerk gesehen hat. Ruhig, gediegen, einfach klasse!

  3. Emily

    Toller FilmNicht nur die Schauspilerriege, auch die Stimmung und das Zusammenfinden und das Zusammenharmonieren der protagonisten hat mir sehr gut gefallen. Ein zu Anfang recht zäher, dann aber sehr interessanter Film.

  4. Eliza

    WunderbarEin Sittengemälde voller schauspielerischer Farbenpracht! Nichts für Action-Fans – unbedingt sehenswert!!

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