KRITIK

Gone Girl – Das perfekte Opfer

GoneGirl_Poster_Launch_1400David Fincher ist weder Vielfilmer noch Genrehopper. Auf das Konto seiner knapp dreißig Jahre umfassenden Karriere gehen „lediglich“ acht Langfilmprojekte; Und klammert man die Oscar-prämierte Romanverfilmung „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ aus, so findet sich unter den verbliebenen sieben Werken kein Film, der nicht ins düstere Thrillergenre fällt. Doch sei Fincher dieser Umstand nicht angelastet. Seine Filme gehören trotz eines recht einheitlichen Grundtons bekanntlich zur Spitzenware Hollywoods. Auf das Konto des Urhebers gehen Kultfilme wie „Fight Club“ und „Sieben“, mehrere Academy Awards und Golden Globes, gleichzeitig gelingt dem ehemaligen Werbe- und Musikvideoregisseur stets die Balance zwischen Massengeschmack und Nischenqualität.

Sein neuestes Projekt, die Leinwandadaption des gleichnamigen Erfolgsromans „Gone Girl – Das perfekte Opfer“, fällt einmal mehr in das bewährte „Beuteschema“ Finchers; und zeigt dabei erste Zugeständnisse an den reinen Unterhaltungsfilm. Sein starbesetzter Beziehungsthriller ist nicht nur das bislang konventionellste Werk des Regisseurs, sondern auch sein zugänglichstes. Diese Tatsache beraubt „Gone Girl“ jedoch noch lange nicht etwaiger Oscar-Chancen. David Fincher ist mit seiner stilsicheren Regieführung und dem phänomenalen Gespür für das Erzeugen von Spannung und Atmosphäre wieder einmal über jeden Kritiker-Zweifel erhaben.

Von der Besetzung über die visuelle Gestaltung bis hin zur geschickten Irreführung des Publikums erweist sich „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ letztendlich als erster ernst zu nehmender Beitrag zur Oscar-Saison 2015. Was wie ein Entführungsdrama beginnt, durchläuft in seiner üppigen Laufzeit von knapp zweieinhalb Stunden mehrere Stationen vom bitterbösen Psychogramm zweier Eheleute über einen stechend satirischen Blick auf die manipulativen Fähigkeiten der (US-amerikanischen) Medien bis hin zum klassischen Gerichts- und Copthriller. Wer nun fürchtet, dass selbst ein Profi wie David Fincher diesem Wust an Handlungssträngen nicht gewachsen sein kann, der irrt gewaltig. Die für das Drehbuch verantwortliche Gillian Flynn, die schon die Romanverlage verfasste, hangelt sich galant von Schwerpunkt zu Schwerpunkt und gestaltet die Übergänge als originelle Twists, die aus Spoilergründen an dieser Stelle nicht verraten werden sollen. Nur so viel: Wer glaubt, das grobe Storygerüst durchschaut zu haben, der wird schon in der nächsten Szene sein blaues Wunder erleben.

Szene_Gone_GirlWenngleich insbesondere die zahlreichen Wendungen ebenso für Überraschung wie den notwendigen Spannungsaufbau sorgen, ist „Gone Girl“ weit mehr als ein moderner Twist-Ride. David Fincher nimmt sich nicht nur die Zeit einer ausführlichen Charakterformung, sondern untermauert den Status seines außergewöhnlichen Thrillers durch eine ausgeklügelte, sich stark am Roman orientierende Erzählweise. Während die Story an der Seite von Nick einsteigt und das aktuelle Geschehen aus der Perspektive des Protagonisten betrachtet wird, setzen Rückblenden aus der Sicht der vermissten Amy nach und nach die fragwürdigen Ereignisse einer vermeintlichen Bilderbuchehe der vergangenen Wochen und Monate zusammen.

Immer wieder spielt das Drehbuch mit den Erwartungen des Publikums, unterläuft sie gekonnt und katapultiert den Zuschauer anschließend – wieder einmal – in die vollkommene Ungewissheit. Dies könnte, in eine schwächere Geschichte eingebettet, alsbald an der Glaubwürdigkeit der Gegebenheiten nagen; doch „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ ist so voll von ebenso eindringlichen wie lebensechten Dialogen, dass die fiktive Handlung trotz des überbordenden Ideenreichtums der Schriftstellerin nicht selten den Eindruck einer Nacherzählung von Tatsachen erweckt. Diesen Anschein bestätigt auch die perfekte Besetzung: In den Hauptrollen spielen sich „Argo„-Mastermind Ben Affleck und die britische Schönheit Rosamund Pike („Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück„) in die Gunst der Academy. Während Affleck vor allem der Spagat zwischen glaubhafter Verzweiflung und vermeintlicher Gleichgültigkeit gelingt und er sich dadurch eine stete Undurchsichtigkeit bewahrt, agiert Pike vollkommen jenseits von Gut und Böse. Das Repertoire an Emotionen, welche die Aktrice in den 145 Minuten des Films abruft, ist in seiner Bandbreite und nuanciert vorgetragenen Spielweise vor allem eins: oscarwürdig!

Szene_Gone_Girl_4An der Seite dieses (Alb)Traumduos haben es die Nebendarsteller umso schwerer. Das gelingt den meisten von ihnen dennoch ganz hervorragend: Neben Missi Pyle („The Artist“), die den Inbegriff der mediengemachten Oberflächlichkeit mimt, beeindruckt insbesondere der vornehmlich durch TV-Formate bekannte Filmemacher Tyler Perry („If Loving You is Wrong“) als den düsteren Grundton ab und an durch flotte Sprüche aufpeppender Star-Anwalt. Wer sich an dieser Stelle nun um die so konsequent bedrückende Film-Atmosphäre sorgt, kann beruhigt sein: Zwar erweist sich die Figur des charismatisch-extrovertierten Advokaten Tanner Bolt als überdeutliches Zugeständnis an die Sehgewohnheiten des Gelegenheitskinogängers, gleichzeitig wirken die zum Schmunzeln anregenden Äußerungen Perrys nie bemüht, sondern sind in den Momenten des Auftauchens regelrecht befreiend. In weiteren Rollen überzeugen Carrie Coon („The Leftovers“) als Nicks dünnhäutige Schwester Margo, Casey Wilson („Bride Wars – Beste Feindinnen“) als toughe Ermittlerin sowie „How I Met Your Mother“-Kultakteur Neil Patrick Harris, dessen schwer zu durchschauender Figur leider nur wenig Screentime vergönnt ist.

Visuell und akustisch ist „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ ein Fincher-Thriller nach Maß. Kein Wunder: Wie schon in seinen vorherigen Werken wie „Verblendung“ oder „The Social Network“ steht auch in seinem neusten Werk Jeff Cronenweth hinter der Kamera. Helle Farben oder starke Kontraste gehörten noch nie zu den bewährten Stilmitteln des 52-jährigen Filmemachers; auch in „Gone Girl“ dominieren dunkle, weiche Farben und eine dadurch entstehende allgegenwärtig angespannte Atmosphäre. Ähnlich verhält es sich bei dem Komponistenduo Trent Reznor und Atticus Ross: Ganz nach dem Motto „Never change a Winning Team“ greift Fincher auch an dieser Stelle auf ein altbewährtes Team zurück, das für seinen Thriller keinen einheitlichen Score komponierte, sondern deren einzeln auf die Szenen zugeschnittenen Musikfragmente sich in Instrumentalisierung und Tonfall unterscheiden. Mal untermalt ein leichter Electrobeat das Geschehen treibend, dann wiederum erweisen sich bedrohliche Streicher als richtige Wahl. In jeder Hinsicht gehört der Soundtrack zu „Gone Girl“ zu den besten des Kinojahres!

Radikaler, ja mutiger war David Fincher mit Werken wie „Fight Club“ oder „Sieben“ sicherlich schon. Mit dem Zurückgreifen auf einen Weltbestseller unterwirft sich der Starregisseur einer bekannten Vorlage, die Gillian Flynn jedoch einst mit solch einer Akribie für menschliche Perversionen und seelische Abgründe verfasste, dass diese bei dem vielzitierten Regisseur in den allerbesten Händen ist. „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ ist ein in bestem Maße unterhaltsamer Thriller, der so viel mehr ist, als bloßes Spannungskino – diesen Film wird man nicht vergessen. Punkt.

Den Trailer und weitere Infos zum Film findest Du hier….

Die ausführliche Kritik von Antje kannst Du hier nachlesen….



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