KRITIK

Goethe!

Goethe! Der Traum aller Deutschlehrer? Endlich ein Film, der minderinteressierten Schülern den Großdichter näher bringen kann? Oder ihr Albtraum? Ein Film, der den hehren „Werther“ verpoppt, Leben und Werk unzulässig in eins setzt und Hochkultur häppchenweise und oberflächlich zum schnellen Verzehr serviert? Beides dürfte stimmen.

Regisseur Philip Stölzl („Nordwand„) wollte Goethe raus aus dem Reclamheftchen, rein in den Saft des echten Lebens holen. Nicht Goethens Lebensabend in Weimarer Staatsdiensten eignete sich dafür, sondern viel besser natürlich der Sturm und Drang seiner Anfangsjahre als Dichter – und glühender Liebender.

So stolpert denn und reitet hier der 1771 erst 22-jährige Jurastudent Johann W. als charmanter Luftikus durch die Szenerie, als scheiternder Prüfling mit Schlag bei den Frauen, Lust an saftiger Schmähung und Freude am Saufen. Auf Druck des Vaters (Henry Hübchen) wird er ins piefige Wetzlar versetzt, zum Praktikum bei Legationssekretär Kestner. Den spielt Moritz Bleibtreu wieder deutlich dezenter als neulich seinen Goebbels in Oskar Roehlers groteskem „Jud süß“-Making-Of.

Zwischen beide gerät, natürlich, eine Frau, Charlotte (Miriam Stein), die hier so modern wirkt, dass nicht nur Leistungskursromantikerinnen dahinschmelzen dürften. Was folgt, ist bekannt: Kollege Kestner kriegt die Braut, Goethe ist untröstlich – und inspiriert für den „Werther“.

Strenge Biografen werden den Film jetzt nach erdichteter Wahrheit durchforsten, nach erfundenen Duellen, falsch erlebten Selbstmorden, daherfabulierten Gefängnisstrafen und einem unerhört vor-datierten „Werther“-Erfolg (der Goethes Ruhm begründet und den Film beendet). Doch innerhalb der Filmfiktion sind solche Konstruktionen zulässig, wenn nicht gar erwünscht. Penetrant dagegen sind die pausenlosen Zitate aus – und Anspielungen auf Goethes (meist späteres) Werk und Leben: Ist das ein Rätselspiel für beflissene Kulturbürger?

Trotzdem gelingt Philipp Stölzl dieses Biopic. Wegen Alexander Fehling in der Titelrolle, der als sympathischer, nicht allzu markanter Durchschnittstyp bestens zur Identifikation einlädt, und wegen Stölzls unterhaltsamer Inszenierung, die nie durchhängt und „Heutigkeit“ ins Gestern treibt, ohne mit vordergründigen Aktualisierungen zu operieren. Das Niveau von ähnlich unterhaltsamen Biographien wie „Shakespeare in Love“ oder gar „Amadeus“ erreicht Philipp Stölzls Goethe nicht, aber die Richtung stimmt.



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INHALT

Johann Wolfgang von Goethe ist durchs Jura-Examen gefallen und wird zur Strafe vom Papa zum Reichskammergericht in die Provinz geschickt, wo er für Gerichtsrat Kestner Akten wälzen muss. In seiner Freizeit zieht der Freund von Wein, Weib und Gesang mit seinem Referendarskollegen um die Häuser bzw. auf die Märkte und wirft alsbald ein Auge auf die hübsche Lotte aus armen Verhältnissen, die leider seinem Vorgesetzten versprochen ist. Das große Herzeleid führt zu seinem ersten künstlerischen Erfolg "Die Leiden des jungen Werther".
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Eure Kritiken zu Goethe!

  1. Andres

    Konnte mit dem Goethe-Film nicht viel anfangen. Irgendwie entscheidet er sich nicht für Fiktion ODER Realität und als Zuschauer weiß man dann gar nicht mehr, was man glauben soll. Schließlich kann man auch nicht völlig ausblenden, dass es hier um Goethe, DEN deutschen Dichter schlechthin geht. Wer also wirklich etwas über ihn wissen will, sollte sich lieber eine Biografie vornehmen. Wer nur via Kostümfilm unterhalten werden will, der kann sich Goethe! angucken, denn schöne Bilder zeigt er allemal.

  2. Phee

    Alex Fehling ist toll in der Rolle. Aber insgesamt hätte dem Film ein bisschen weniger Kitsch ganz gut getan. Etwas zu viel Gefühl von allem.

  3. Lauretta

    Ein toller Film mit tollen Schauspielern. Und das ais Deutschland. Dieser Film muss sich hinter Shakespeare in Love und Co nicht verstecken. Mir hat er gut gefallen.

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