KRITIK

Gnade

Plakat zum Film GnadeDie Ehe zerrüttet, der Beruf Routine und der Fluchtimpuls groß: Maria (Birgit Minichmayr aus „Alle Anderen„) und Niels (Jürgen Vogel) ziehen mit ihrem pubertierenden Sohn von Kiel an den Polarkreis, ins norwegische Hammerfest. Dort soll alles besser werden, doch es kommt lediglich die Polarnacht: Die Sonne verschwindet, und der Alltag, die Ehe, das Zwischenmenschliche bleibt im Trüben. Niels, der Ingenieur, stürzt sich in eine weitere Affäre. Maria, die Krankenschwester, schiebt Doppelschichten. Vor Problemen kann man nicht fliehen, man trägt sie im Gepäck.

Dann aber haut das Schicksal dazwischen. Maria überfährt nachts auf dem Heimweg im Nirgendwo ein Mädchen, begeht im Affekt Fahrerflucht. Sie weiht Niels ein, bald haben sie Gewissheit: Das Kind ist tot. „Das bin doch nicht ich“, sagt Maria ratlos, „ich bin doch ein guter Mensch“. Innerhalb einer Sekunde wurde sie zu jemandem, der den Tod eines Menschen auf dem Gewissen hat. Das Paar verschweigt die Tat, bis ihnen dämmert, dass Gnade nötig ist. Und dann kommt auch die Sonne wieder raus. Allmählich.

Szene aus dem Film GnadeIn majestätisch-polardämmernden Bildern zieht Regisseur Matthias Glasner („This is Love“, „Der freie Wille“) einen gewaltigen Schuld-und-Reue-Komplex auf. Mit dostojewskischer Schwere und einigem Pathos geht er großen Fragen nach: Was macht ein solcher Unfall mit der Liebe eines Paares in Auflösung? Wie geht man um mit einer solchen Schuld? Wozu führt Gnade, wenn es sie denn gibt?

Nach langem Anlauf endet der Film im Offenen, was auf der Berlinale zu Diskussionen führte: Stiehlt sich Glasner damit aus der Verantwortung? Auf jeden Fall will er zu viel. Die Erzählebene des Sohnes etwa, der sich das Familienleben per Smartphone-Kamera distanzierend vom Leibe hält und in der Schule Schuld auf sich lädt. Szenen wie diese wirken eher konstruiert als sinnerweiternd. Trotzdem packt der Film. Die eisige Atmosphäre überträgt sich auf den Zuschauer, und besonders Vogel an der Seite von Birgit Minichmayr zieht alle Register: von stiller Verbitterung über abweisende Aggression bis zur verzweifelten Erlösungssehnsucht. Kein leichter Film, aber immerhin einer, der was wagt. Kleines großes deutsches Kino.

  

Kritikerspiegel Gnade



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Carsten Happe
Der Schnitt, Filmgazette
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Klaus-Peter Heß
Westfälische Nachrichten
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Durchschnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 





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INHALT

Polarnacht am Rande des Eismeers - zwei Monate lang übersteigt die Sonne nicht den Horizont. Inmitten von Schnee, Eis und Dämmerung startet eine deutsche Auswandererfamilie hoffnungsvoll den Neuanfang: Niels, Maria und Sohn Markus. Schon nach kurzer Zeit spüren Niels und Maria, dass auch das neue Umfeld die erkaltete Beziehung nicht retten kann: Niels stürzt sich in seine Arbeit als Ingenieur und beginnt eine Affäre. Maria schiebt Überstunden im Hospiz und Markus muss an der Schule seinen Platz finden. Aber dann passiert in eisiger Nacht ein schrecklicher Unfall, der alles in Frage stellt. Die anfängliche Erstarrung weicht und wie durch ein Wunder wird dieses Unglück für die kleine Familie zum Wendepunkt: Das Geheimnis, das Maria und Niels fortan teilen, zwingt sie zur Auseinandersetzung - und führt sie auf einen Weg zu Erlösung und Gnade.
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