KRITIK

Ghost in the Shell

Bild (c) 2017 Paramount Pictures.

Seitdem der Begriff „White-Washing“ bei Filmfans in aller Munde ist, werden Casting-Entscheidungen mehr denn je unter die Lupe genommen. Insbesondere dann, wenn – wie der Begriff sagt – weiße Darsteller/-innen Rollen übernehmen, die ursprünglich mal einen anderen ethnischen Hintergrund hatten. Daraus kann sich eine durchaus wichtige und interessante Diskussion über Schauspiel, Star-Besetzungen, ethnische Vielfalt in Film und Fernsehen entwickeln. Allerdings findet diese meist weit abseits von den üblichen Diskussionen bei Twitter, Facebook oder einschlägigen Internetforen statt.

Zuletzt geriet auch diese Manga- bzw. Anime-Adaption zwischen alle Fronten. Jeder hat sicherlich alle möglichen Argumente, um sich die Casting-Entscheidung schön oder schlecht zu reden. Erst kürzlich wurde der Regisseur des Originals Mamoru Oshii als Fußsoldat ins ideologische Schlachtfeld geführt, um die Besetzung von Scarlett Johansson als Hauptfigur Major (ursprünglich: Motoko Kusanagi) zu verteidigen. Doch auch wenn dieser der Ansicht ist, dass Johansson die bestmögliche Besetzung für die Rolle sei, ist nach dem Ansehen dieses Science-Fiction-Films nicht ganz deutlich, was sie außer ihrem berühmten Namen sonst noch mitbringt, was nicht auch jede andere Darstellerin hätte leisten können.

Zur Story: In nicht allzu ferner Zukunft lassen sich die Menschen mittels technischer Spielereien und Gadgets im eigenen Körper auf die Sprünge helfen. Durch diese Art von Upgrades wird die Bevölkerung aber anfällig für Hackerangriffe. Trotzdem arbeitet die Hanka-Corporation eifrig am nächsten Evolutionsschritt: Nach einem fatalen Unfall wird das Gehirn einer jungen Frau in einen künstlichen Körper verpflanzt. Der Großkonzern setzt den „Major“ genannten Prototypen (Scarlett Johansson) ein, um Verbrechen zu bekämpfen und natürlich auch, um eigene wirtschaftliche Interessen zu vertreten. Der geheimnisvolle Hacker Kuze macht der Hanka-Corporation und deren machtgierigen CEO Cutter (Peter Ferdinando) regelmäßig einen Strich durch die Rechnung. Darüber hinaus setzt er sich in Majors Geist fest und lässt die resolute Roboterkämpferin an ihrer Mission, ihrer Vergangenheit sowie ihrer Identität zweifeln. Selbst die gutherzige Mutterfigur Dr. Ouelet (Juliette Binoche) kann den Major nicht mehr unter Kontrolle bringen.

Das Remake des Manga- und Anime-Klassikers hat viele Probleme. Das Casting ist nur eines davon: Johansson versucht, der Figur mit gekrümmter, roboterhaften Gangart einen Tick, eine individuelle Besonderheit oder so etwas wie eine körperliche Nuance zu verleihen. Eine Eigenschaft, die kommt und geht, wenn es gerade nützlich ist, aber ansonsten ziemlich bemüht wirkt. Einen emotionalen Kern findet die Darstellerin nicht, was vielleicht ein merkwürdiger Kritikpunkt sein mag, wenn es um künstliche Lebensformen geht. Allerdings sind diese Art von Sci-fi-Geschichten selten interessant, wenn sie keinerlei oder kaum menschliche Bezugspunkte finden. Als körperlose, künstliche Intelligenz in Spike Jonzes „Her“ (2013) gab Scarlett Johansson jedenfalls eine wesentlich überzeugendere Performance ab.

Ein viel größeres Problem stellt allerdings Regisseur Rupert Sanders („Snow White and the Huntsman“) dar. Mit überbordender Videospielästhetik ruft er bestenfalls Erinnerungen an vergangene Science Fiction-Filme der 80er Jahre hervor, welche futuristische Stadt-Labyrinthe wesentlich sparsamer und funktionaler, aber trotzdem beeindruckender darstellten. In Sanders´ Welt muss jede Ecke der Leinwand visuell ausgereizt sein, auch wenn es wenig Sinn ergibt oder praktikablen Nutzen hat. Effekte eben, die hauptsächlich zum Selbstzweck genutzt werden, um den Zuschauer mit viel Show zu blenden, ohne das Gesamte mit Substanz zu stützen. Der Regisseur findet das ein oder andere interessante und in seiner technischen Cyberspace-Kälte verstörende Bild und ab und zu stößt er sogar auf so etwas wie eine Seele – etwa wenn Major mit Hilfe einer Dame von der Straße ihre längst verloren gegangene Menschlichkeit erforscht. Leider traut er sich nie lange in solchen Momenten zu verweilen. Viel lieber springt er so schnell wie möglich zum nächsten Action-Setpiece.

Darüber hinaus spickt Sanders seinen Film mit allerhand Zitaten aus dem Original, was eher für die allgemeine Einfallslosigkeit dieser Adaption spricht. Umso merkwürdiger, weil das Drehbuch sich gern von der Vorlage emanzipieren möchte. Ein Unterfangen, das letztendlich nur zu einem vorhersehbaren Story-Twist führt, mit dem die Drehbuchautoren Jamie Moss und William Wheeler auch noch mittels jeder Menge erzählerischem Jiu Jitsu den Eingangs erwähnten Vorwurf des „White-Washing“ umgehen können. Das Hacken von menschlichen Wesen, die sich quasi ihre iPhones ins Gehirn integrieren, hätte viel Raum zum Erforschen bieten können, allerdings schaut der Film auch hier nie über die ausgetretenen Pfade der Vorlage hinaus.

Schauspielerisch darf der Zuschauer nicht viel erwarten: Kaum wiederzuerkennen ist der dänische Darsteller Pilou Asbæk, der als Major als knallharter Partner zur Seite steht und als einzige Charaktereigenschaft immerhin streunende Hunde lieb haben darf. Eine willkommene, coole Präsenz stellt der japanische Takeshi Kitano dar. Dieser bekommt als Boss von Majors Spezialeinheit allerdings viel zu wenig Spielraum. Warum Hollywood darauf besteht, aus französischen Schauspielerinnen Expositionsautomaten zu machen, die ständig die Handlungshintergründe abspulen und erklären (zuletzt geschehen mit Marion Cotillard in „Assassins Creed“), wird wohl weiterhin ein Rätsel bleiben. Aber immerhin macht Juliette Binoche das Beste aus dieser undankbaren Aufgabe.

Letztendlich bleibt „Ghost in the Shell“ eine mäßig unterhaltsame, aber sinnlose und oberflächliche Neuverfilmung eines interessanten Stoffes, die irgendwo im Niemandsland zwischen Original und eigenständiger Adaption Platz nimmt. Anstatt interessante Implikationen der Vorlage weiter zu ergründen, einen aktuellen Zeitbezug herzustellen oder gar neue Wege zu beschreiten, verlässt sich Sanders auf altbekannte Actionversatzstücke, die nur selten Aufregung erzeugen. Viel visueller Hokuspokus, wenig Vision, keine Katastrophe, aber auch nicht der große Wurf, der der Film (auch im Hinblick auf die Marketing-Bemühungen) unbedingt sein möchte.

 

Kritikerspiegel Ghost In The Shell



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Stefan Turiak
Widescreen, mehrfilm.de
5/10 ★★★★★☆☆☆☆☆ 


Durchschnitt
5.5/10 ★★★★★½☆☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem monatlichen Kritikerspiegel.

 

 

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