KRITIK

Ghetto

Ghetto Die Lebensnotwendigkeit von (Erzähl-)Kunst und Verzauberung inmitten größtmöglicher Barbarei war schon oft Thema in der filmischen Beschäftigung mit dem Holocaust: „Jakob der Lügner“ ersann hoffnungsspendende Geschichten von nahender Rettung, „Der Pianist“ verzückte den Feind mit seinem Spiel, „Das Leben ist schön“ funktionierte das KZ zum Freizeitpark um, und die Doku „Kurt Gerrons Karussell“ erinnerte an ein jüdisches Kabarett in Theresienstadt. Auch in „Ghetto“ ist es das Theater, das einem Ensemble jüdischer Schauspieler im litauischen Ghetto von Vilnius eine letzte Gnadenfrist setzt – weil sich der kommandierende NS-Offizier Kittel (übertrieben sadistisch: Sebastian Hülk) für einen Feingeist hält und der jüdische Chef der Ghetto-Polizei (hölzern: Heino Ferch) taktiert und Zugeständnisse erwirkt, wenn auch um den Preis der Mitverantwortung am Genozid. Regisseur Audrius Juzenas hat alle möglichen Stilmittel aus Joshua Sobols Theaterstück übernommen, doch seine Mixtur aus Farce, Totentanz und Melodram bleibt dröge und ohne Nachdruck. Selbst das schreckliche Ende lässt befremdlich unberührt: wohl das Schlimmste, was sich über einen Film dieses Themas sagen lässt.



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INHALT

1941. Litauen ist besetzt. Die Juden von Vilna leben im Ghetto... Im Ghetto gibt es ein altes Theater, in dem jetzt Kleider sortiert werden. Kittel, der 22jährige, unberechenbare deutsche Kommandant des Ghettos, entdeckt dort eine Gruppe fremder Juden. Sie sind am Ende einer mehrtägigen Flucht durch die Kanalisation, knapp einem Exekutionskommando entkommen. Unter ihnen ist die schöne Sängerin Haya. Kittel entdeckt bei Haya einen Sack gestohlener Bohnen. Statt sie sofort zu erschießen, läßt er sie singen - und ist von ihrer Stimme so betört, dass er den Juden befiehlt, das Theater wieder zu eröffnen und als Buße für den Diebstahl Theaterstücke aufzuführen.

Die Juden sind nicht glücklich über die Idee eines Theaters im Ghetto, besonders Kruk, der Bibliothekar, ist empört. Aber Gens, der Chef der jüdischen Polizei die für Ordnung im Lager sorgen muss, hält die Idee für gut. Je mehr Juden offiziell beschäftigt sind, desto mehr haben eine Arbeitserlaubnis und werden nicht abgeschoben in Todeslager. Bald verbindet Haya eine Liebe mit Srulik, dem Bauchredner. Er hat die künstlerische Leitung des Theaters inne und bringt mit seiner menschlichen Puppe Lina immer wieder Kittel zum Lachen, um ihn so an gedankenloser Gewaltanwendung zu hindern.

Gleichzeitig entwickelt der Jude Weiskopf den Plan, deutsche Frontuniformen im Ghetto zu reparieren, um den langen Weg zur Reparatur nach Berlin abzukürzen. Kittel gibt ihm die Erlaubnis dafür, und so sind hundert weitere Ghettobewohner durch eine Arbeitserlaubnis gerettet. Die erste Aufführung des Ghetto-Theaters ist eine Parodie von Kittel. Kittel zieht zwar die Pistole, ist aber doch wieder amüsiert genug, um das Spiel mitzuspielen und die Schauspieler nur zu erschrecken. In einer der nächsten Aufführungen singt der Kinderchor des Ghettos ein herzzerreißendes Lied. Das erinnert Kittel an eine neue Order: Es gibt zu viele Judenkinder. Jede Familie im Ghetto darf nur zwei Kinder behalten, alle weiteren läßt Kittel noch in der selben Nacht deportieren. Nachdem er diesen schrecklichen Befehl für Kittel ausführen mußte, will Gens sich erschießen. Mit Mühe hält ihn eine Frau davon ab: Gens ist zwar der Handlanger des Bösen, aber er versucht doch immer zu retten, was zu retten ist.

Das Kriegsglück der Deutschen wendet sich. Die Wehrmacht kann Stalingrad nicht einnehmen. Die russische Armee rückt vor. Die Nazis bereiten in den besetzten Gebieten die Endlösung vor. Kittel erhält Befehl, alle Juden des Ghettos zu töten. Gens handelt mit Kittel, und versucht, wenigstens einen Teil der jüdischen Bevölkerung vor dem Tod zu bewahren. Kittel lässt sich überreden, nur diejenigen zu erschießen, die über 70 sind. Damit sind viele andere gerettet - aber Gens ist wieder verzweifelt und wird auch von seinen Landsleuten allmählich verachtet.

Währenddessen bedrängt Kittel immer wieder Haya. Er ist kopflos in sie verliebt, gegen jedes deutsche Gesetz. Haya spielt das Spiel manchmal mit, um ihre Freunde zu schützen, beschließt letztlich aber doch, durch die Kanalisation zu flüchten und sich den Untergrundkämpfern anzuschließen. Srulik hingegen bleibt im Ghetto. Die Rote Armee, die Befreier, nähern sich dem Ghetto. Kittel weiß, dass er bald auf der Flucht sein wird. In einer Mischung aus Panik und Euphorie ruft er die ganze Schauspielertruppe auf der Bühne zusammen. Er braucht keine Zeugen seiner Grausamkeit, aber andererseits können diese Schauspieler ihm vielleicht später weiterhelfen. Er verlangt einen letzten Auftritt von ihnen...
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