KRITIK

Get Out

Bild (c) Universal Pictures International.

Mit der Sketch-Comedyshow „Key & Peele“ hatte Jordan Peele zusammen mit seinem Comedy-Partner Keegan Michael Key vier Jahre lang im US-TV (von 2012 bis 2015) sehr bissig und unterhaltsam weiße sowie afroamerikanische, gesellschaftliche Konventionen aufs Korn genommen. Ziemlich oft nutzten die beiden dafür bekannte Genre-Topoi des Science Fiction, des Actionfilms, des Thrillers und natürlich auch des Horrors. Eine Schulung, die Jordan Peele bei „Get Out“, seinem sehenswerten Regiedebüt, zugute kam. Auch wenn der Film durchaus humorvolle Elemente enthält, handelt es sich dabei nicht unbedingt um eine Komödie. Und schon gar nicht um eine Parodie. Vielmehr ist das beeindruckend zielbewusste Werk im Bereich Gesellschaftssatire zu verorten. Nicht nur weil er an Klassiker wie beispielsweise „Die Frauen von Stepford“ von Bryan Forbes (1975) erinnert.

Bereits in der Eingangsszene lässt Peele klassische Horror-Elemente im neuen Kontext erscheinen, wenn sich ein junger, afroamerikanischer Mann durch einen idyllischen, reichen Vorort bewegt und nach der richtigen Adresse sucht. Wer nur ein wenig von den derzeitigen gesellschaftlichen Spannungen in den USA mitbekommen hat, wird wissen, wie gefährlich allein diese Situation sein kann. Es fällt schwer, die gesellschaftspolitische Ebene auszublenden, dennoch gelingt Regisseur und Autor Peele von Anfang an der Spagat zwischen Relevanz und Spaß, ohne mit dem Zeigefinger zu wedeln. Szenen, die im Laufe des Films noch von Bedeutung sind, an dieser Stelle aber nicht weiter ausgeführt werden.

Wenig später bereitet sich Chris (Daniel Laluuya bekannt aus „Sicario“ oder der TV-Serie „Black Mirror“) auf ein Wochenende mit den Eltern seiner Freundin Rose (Allison Williams) vor. Der Besuch wird allerdings im Vorhinein durch die Tatsache mit Spannung aufgeladen, dass Rose ihre Eltern nicht auf ihren dunkelhäutigen Freund Chris vorbereitet hat. Auf dem Weg zum großen Anwesen des Neurochirurgen Dean (Bradley Whitford) und der Psychologin Missy (Catherine Keener) hat das Pärchen einen Zusammenstoß mit einem Hirsch und ein noch unerfreulicheres, anschließendes Gespräch mit einem Polizisten.

Schon rein aus Gewohnheit findet sich Chris mit dem beiläufigen, manchmal nicht einmal intendierten Rassismus ab. Er lächelt über den Kommentar des Vaters seiner Freundin, der sich selbst auf die Schulter klopft, weil er ein drittes Mal für Obama gestimmt hätte und erträgt den furchtbaren Smalltalk mit anderen Partygästen, die später noch hinzukommen. Trotz all diesen Nebensächlichkeiten scheint in diesem weißen Haushalt aber etwas ganz und gar nicht zu stimmen. Und das liegt nicht nur an Rose´ exzentrischem Bruder Jeremy (Caleb Landry Jones), sondern auch am afroamerikanischen Personal, das sich äußerst merkwürdig verhält. Hinzu kommt, dass Rose´ Mutter Missy ungefragt ihre Hypnose-Therapie bei Chris anwendet, vermeintlich um ihn von seiner Rauchersucht zu kurieren. Und was sich zunächst unschuldig und hilfreich anhört, entwickelt sich schnell in eine sehr viel verstörendere Richtung.

Jordon Peeles Horrorthriller bezieht seine Spannung nicht nur aus diesem übergeordneten erzählerischen, verschwörungstheoretischen Rahmen, sondern auch aus dem offensichtlichen, liberalen Rassismus, den Peele auf sehr amüsante und unterhaltsame Weise präsentiert: Der Polizist, der zu Beginn Chris ohne triftigen Grund um seinen Ausweis bittet; die ältere Dame, die Rose unverhohlen auf einer Party fragt, ob der Sex mit Chris besser sei als mit einem weißen Partner; und natürlich Rose Eltern, die sich aufgrund ihrer liberalen Einstellung immerzu selbst beweihräuchern – Peele nimmt alle diese Formen des mutierten Rassismus auseinander und hält sie seinem Publikum vor die Nase. Kein Wunder, dass sich Chris in dieser Gesellschaft stets unwohl fühlt. Ein Gefühl, das sich auch auf den Zuschauer übertragen sollte. Die ständigen Telefonate mit seinem Kumpel Rod (LilRel Howery) sind sowohl für Chris als auch für das Publikum eine willkommene Abwechslung – und mehr noch: geradezu eine Wohltat.

LilRel Howerys Performance als Kumpel Rod wirkt gelegentlich ein wenig übertrieben, dennoch ist seine Figur zwischendurch ein willkommener, komödiantischer Sidekick. Generell kann Peele mit einem beeindruckenden Cast aus großartigen Charakterdarstellern und tollen Newcomern aufwarten: Während Bradley Whitford bestens aufgelegt seinen schmierigen Charme ausspielen darf, kommt nur Catherine Keener etwas zu kurz; Allison Williams macht eine überzeugende Wandlung durch, die an dieser Stelle aber nicht verraten werden soll. Marcus Henderson und Betty Gabriel liefern sogar in ihren kleinen Nebenrollen erwähnenswerte Darstellungen ab. Insbesondere Hauptdarsteller Daniel Kaluuya fährt eine beeindruckende emotionale Bandbreite seines Talentes auf, das mit großer Verwunderung unter einem coolem Äußeren einen zerrissenen Menschen vermuten lässt.

Es ist beachtlich, welche Fähigkeiten Regisseur Peele aus seiner Besetzung für seine kleine Horrorsatire herausholt. Er besitzt allerdings nicht nur ein gutes Auge für das Casting, sondern auch für Suspense und visuelle Tricksereien. Und das mit einem verhältnismäßig sehr geringem Budget. Insbesondere die effektreicheren Szenen, in denen Chris hypnotisiert wird, setzt Peele phantasievoll um. Das große Ganze fasziniert, auch wenn „Get Out“ vor allem im dritten Akt konventionellere Horror- und Thriller-Formen annimmt. Peele hat damit ein bemerkenswertes Regiedebüt abgeliefert, welches mit einem Einspiel von weltweit über 135 Mio. US-Dollar nach nur vier Wochen schon jetzt zu den erfolgreicheren Independent-Filmen des Jahres gehört. Nicht verpassen!

 

Kritkerspiegel Get Out



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Stefan Turiak
Widescreen, mehrfilm.de
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Durchschnitt
8.5/10 ★★★★★★★★½☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

 

 

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