KRITIK

Genius

Bild (c) 2016 Wild Bunch.

Bild (c) 2016 Wild Bunch.

Max Perkins war der wichtigste Lektor der amerikanischen Verlagsgeschichte: Er entdeckte Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald und leitete eine literarische Zeitenwende ein. Aus A. Scott Bergs lesenswerter Perkins-Biografie „Editor of Genius“ hat sich der britische Theatermacher Michael Grandage für sein Spielfilmdebüt nun eine ganz spezielle Phase aus dem Leben des Rotstift-Meisters herausgepickt: seine Zusammenarbeit mit dem ungestümen, früh verstorbenen Romancier Thomas Wolfe.

Das 1100-seitige Manus­kript zu Wolfes erstem Roman landet eines Tages, gegen Ende der 1920er Jahre, auf Perkins‘ New Yorker Schreibtisch. Alle anderen Verlage haben das in Endlossätzen vor sich hin mäandernde Konvolut dankend abgelehnt, doch Max, mit gravitätischer Güte gespielt von Colin Firth, erkennt darin Großes. Dennoch: 300 Seiten müssen raus. Mindestens. Begeistert von der Aussicht auf Veröffentlichung geht der exzentrische Wolfe (von Jude Law haarscharf an der Grimassengrenze angelegt) darauf ein. Doch das Ringen um Worte, Sätze, Absätze wird hart.

Bis das Roman-Meisterstück „Schau heimwärts, Engel!“ erscheint, hat sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden entwickelt, der Wolfes Beziehung zu Aline Bernstein (unterbeschäftigt: Nicole Kidman) zum Opfer fällt. Die Arbeit am Folgewerk „Von Zeit und Strom“ wird noch komplizierter, und schließlich kommt es zum Bruch. Wolfe zweifelt: Ist er nur wegen Perkins berühmt? Und Perkins sorgt sich: Hat er das wahre Genie Wolfes etwa kaputteditiert?

Szene_GeniusDass eine Erzählung über Arbeit am Text im Kino funktioniert und nicht nur Studienräte unterhält, ist erfreulich, unverkennbar ist die Absicht der (britischen) Macher, poliertes Schauspielerkino nach Art von „The King´s Speech“ herzustellen. Dennoch ist der Film arg gediegen geraten: Regisseur Grandage tüncht alles in antiquierte Braun-, Grau- und Ockertöne, lässt gern Bücherstaub durch gedämpftes Gegenlicht wirbeln und sein charismatisches Schauspielerduo im gepflegten Schmunzelton konversieren – über das Schreiben, das Lesen, das Leben. Das geht in Ordnung, ist eines aber gerade nicht: bahnbrechend und aufregend wie Thomas Wolfes Prosa.

 

 

Kritikerspiegel Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Carsten Happe
Der Schnitt, filmgazette
5/10 ★★★★★☆☆☆☆☆ 


Durchschnitt
6.5/10 ★★★★★★½☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

 

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