KRITIK

Gemma Bovery

Bild (c) 2014 Prokino Filmverleih.

Bild (c) 2014 Prokino Filmverleih.

Der französische Darsteller Fabrice Luchini hat, so lässt es sich aus seiner jüngsten Rollenauswahl herauslesen, einen Hang zum literarischen Stalking: Vor zwei Jahren, in François Ozons „In ihrem Haus“, schlich er sich als Französischlehrer in das in Prosa dokumentierte Liebesleben seines Schülers ein, und jetzt, im neuen Film von Anne Fontaine („Tage am Strand“), glaubt er als normannischer Bäcker in einer neu in die Nachbarschaft gezogenen schönen Engländerin eine Wiedergängerin von Flauberts Romanfigur „Madame Bovary“ zu erkennen – weshalb er ihr sogleich obsessiv nachstellt.

Dieser Martin Joubert, Anfang sechzig und in einem früheren Leben mal literarischer Bohèmien in Paris, wird dabei ungewollt zum Dramaturgen des Geschehens. Weil er nämlich unbedingt vermeiden will, dass der schönen Britin Gemma Bovery (sicher nicht nur wegen ihres Vornamens besetzt: Gemma Arterton aus „Hänsel und Gretel: Hexenjäger„) ein ähnlich suizidales Schicksal wie der berühmten Romanfigur blüht, mischt er sich in ihre Affären zwischen Ehemann (Jason Flemyng, „Bube, Dame, König, Gras“) und anderen Männern ein – erst nur in Gedanken, dann zunehmend aktiver. Keine Frage, dass er damit eher zum Katalysator denn zum Verhinderer des Unheils wird.

Szene_GemmaBoveryLuchini ist ein Schauspieler, dessen charmant-verschrobene Darstellungskunst noch die lahmsten Filme über die Ziellinie bringt, und auch hier ist er wieder das beste Argument für den Kinobesuch – doch auch die sich im hellen Sommerlicht der Normandie abspielende Komödie selbst bereitet nicht wenig Vergnügen, trotz einiger boulevardesker Ausfälle und des nicht immer ausgegorenen Zugs ins Farcenhafte, den sie gegen Ende entwickelt.

Anne Fontaines Film basiert auf einer Graphic Novel der „Guardian“-Cartoonistin Posy Simmonds, deren jüngeres Werk „Immer Drama um Tamara“ auch schon verfilmt worden ist – und zwar ebenfalls mit Gemma Arterton. War jener Film explizit britisch in Stil und Tonfall, könnte „Gemma Bovery“ nun französischer kaum sein: Es entfaltet sich ein dezent ironisches Spiel mit literarischen Bezügen, das sich glücklicherweise nie so wichtig nimmt, dass nur Flaubert-Fans ihren Spaß daran hätten.

 




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