KRITIK

Die geliebten Schwestern

Bild (c) Senator.

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Sommer 1788, Friedrich Schiller, der große Dichter, hat die „Räuber“ und „Kabale und Liebe“ schon geschrieben und veröffentlicht, ist in seiner Heimat Schwaben aber nicht mehr wohl wohl gelitten. In Thüringen trifft er die adlige Charlotte von Lengefeld – eine flüchtige Begegnung am Fenster, die beider Leben verändern wird. Schiller ist hin und weg. Kurz darauf trifft er auch auf die ältere, bereits verheiratete Schwester Caroline – und ist wieder hin und weg. Bald entspinnt sich eine leidenschaftliche Ménage-à-trois, die sich als Pakt organisiert.

Einen Sommer lang, am Vorabend der Französischen Revolution, lebt Schiller, der damals 29-jährige Stürmer und Dränger, mit den Lengefeld-Schwestern die Utopie einer freien, romantischen Liebe. Damals wie heute (wieder und wahrscheinlich immer noch) ein unerhörtes Konstrukt.

Regisseur und Drehbuchautor Dominik Graf hat seinen auf der Berlinale noch fast dreistündigen in wunderschön klaren, sommerlich-leichten Bildern inszenierten Liebesfilm stark gekürzt. Doch ein Vergnügen ist er nach wie vor. Denn das leicht von der Realität entfremdete romantische Drama bettet die Romanze mühelos in den Kontext der Literatur- und Kulturgeschichte des ausgehenden 18. Jahrhunderts ein, als Schiller und Goethe schon berühmt aber noch keine Klassiker waren.

Szene_geliebten-schwestern_webUm neue Errungenschaften des Buchdrucks geht es, um politische Enttäuschungen, um codierte Heimlichkeiten und immer wieder um die Ökonomie der Liebe: Verarmte Adelige buhlen um gute Partien und reiche Gönnerinnen um von ihnen abhängige Dichter. Vor allem ist „Die geliebten Schwestern“ einer Feier der Sprache. Dominik Graf, der selbst als Erzähler zu hören ist, zelebriert das Deklamieren, das Briefeschreiben, die Herzensergießungen – sei es mit der Kamera an der Feder oder als Text direkt ins Kinopublikum. Mit dieser Sprache souverän umzugehen, ist für Filmschauspieler nicht leicht. Auch der Zuschauer braucht Zeit zur Gewöhnung.

Doch Florian Stetten (Schiller), Henriette Confurius (Charlotte) und nicht zuletzt Hannah Herzsprung (Caroline) lassen die von ihnen gesprochene freiheitspathetische Sturm-und-Drang-Prosa überraschend leicht und locker wirken. Ob es die Dreiecksbeziehung, die mit langen Unterbrechungen bis zu Schillers (frühem) Tod 1805 zumindest emotional gehalten haben soll, im Detail wirklich so gegeben hat, ist umstritten. Im Nachlass sind nur vereinzelte Hinweise darüber zu finden. Wer aber diesen leidenschaftlichen Film sieht, wird sich wünschen, es möge so gewesen sein. Sehenswert.

 

 

Hier das Interview mit Dominik Graf am Premieren-Abend in Münster.



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INHALT

Einen heißen Sommer lang ringen zwei Schwestern um einen Mann, den beide lieben: Die schöne Caroline von Beulwitz (HANNAH HERZSPRUNG) ist unglücklich verheiratet, sehnt sich nach Liebe und Leben. Charlotte von Lengefeld (HENRIETTE CONFURIUS), ihre schüchterne Schwester, träumt von einem Gatten. Sie sind ein Herz und eine Seele, auch dann noch, als Friedrich Schiller (FLORIAN STETTER) in ihr beider Leben tritt ... (Text: Senator Film)
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