KRITIK

Gegen die Wand

Gegen die Wand Cahit ist ein Verlierer und Verlorener, ein gealterter Trinker, der als Gläsersammler die Nächte in einer Hamburger Kaschemme vergeudet und des morgens in seiner zugemüllten Wohnung besinnungslos auf die Couch fällt. Sibel ist eine erfahrungsgierige junge Frau Anfang zwanzig, die auskosten will, was das Leben zu bieten hat, Ekstase, Tanz und Sex, und das nicht nur mit einem Mann. Cahit fühlt längst nichts mehr und fährt in einem Anfall rasender Autoaggression seinen Wagen vor die Wand. Sibel sucht einen Weg, der unterdrückenden Enge ihrer türkischen Familie zu entfliehen und schneidet sich die Pulsadern auf. So lernen sich die beiden Borderliner auf der geschlossenen Abteilung kennen. Zwei Versehrte, die nichts gemeinsam haben, aber auf Drängen der unbeirrbaren Sibel eine Scheinehe eingehen, die ihr die Freiheit verschaffen soll. Die Ballade von Sibel und Cahit beginnt, eine Grenzgänger-Moritat zwischen Freudenrausch und Selbstzerstörung.

Regisseur Fatih Akin hat mit dieser wuchtigen Lovestory auf der diesjährigen Berlinale den Goldenen Bären gewonnen und ganz nebenbei eine Kulturdebatte über das Selbstverständnis deutsch-türkischer Künstler hierzulande entfacht. Längst schließlich prägen Filmemacher wie Akin, Yüksel Yavuz oder Thomas Arslan den rau-direkten Stil des New German Cinema mit, längst haben sie sich durch ihren internationalen Blick aus der Migranten-Nische emanzipiert. Auch dieses energiedurchpulste Kiez-Drama des 30-jährigen Einwanderersohnes aus Hamburg-Altona bedarf keiner festen Zuschreibungen, es ist eine deutsche Radikal-Romanze, eine türkische Schicksalserzählung. Nach seinem Krimi-Debüt „Kurz und schmerzlos“, dem Roadmovie „Im Juli“ und dem Gastarbeiter-Märchen „Solino“ findet Akin hier zu einer pathetischen Kraft, die man so lange nicht im Kino gespürt hat. In einer Atmosphäre aus zorniger Vitalität und eruptiver Gewalt stürzen sich seine Figuren immer wieder in den Schmerz, um sich zu vergewissern, dass sie noch am Leben sind.

Cahit, dieser vernarbte Drifter, vollführt im Bett mit seiner Gelegenheitsfreundin Maren (Catrin Striebeck) animalische Kämpfe, taucht in der Kneipe die Hände in Glasscherben und tanzt mit blutüberströmten Armen, erschlägt schließlich im Eifersuchtsanfall einen der Lover Sibels, in die er sich verliebt hat. Auch Sibel, die Cahits Gefühle erwidert, ohne ihnen nachzugeben, will in allem das Extrem, provoziert in Istanbul, wohin sie nach der Verhaftung ihres Mannes flieht, beinahe den eigenen Tod.

Fatih Akin hat dazu zwei grandiose Darsteller gewonnen, die keine Selbstentgrenzung scheuen und auch die eigene Biografie auszubeuten bereit sind. In Ünels verlebtem, ungemein charakteristischem Gesicht hat der Alkohol seine tiefen Spuren hinterlassen, Kekilli, wegen ihrer Vergangenheit als Pornodarstellerin vom Boulevard zur „sündigen Filmdiva“ herabgewürdigt, lässt hinter ihrem jugendlichen Trotz die Härte der Erfahrungen aufscheinen.

Der Film gönnt ihnen kein Happyend, wohl aber, nachdem der Orkan sich gelegt hat, einen Moment der Zärtlichkeit und der Ruhe.



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INHALT

Im Mittelpunkt steht die seltsame Liebesge-schichte von Cahit und Sibel, zwei türkischstämmigen Hamburgern. Cahit, 40, ein abgewrackter Alkoholiker, hat vom Leben die Schnauze voll, und fährt deshalb voller Wucht mit seinen Auto gegen eine Betonmauer. Er überlebt und trifft im Krankenhaus die junge Sibel, die ihn zu einer Scheinehe überreden möchte. Sibel will sich befreien von ihrer türkischen Familie, endlich leben wie andere junge deutsche Großstädterinnen und nimmt dafür gerne in Kauf, bei einem heruntergekommenen, jähzornigen Einzelgänger zu leben. Die beiden heiraten und schon ahnt man, dass sich hier eine Form der amour fou anbahnt. Aus der Zweckgemeinschaft heraus entstehen Gefühle zwischen den beiden: Erst verliebt sich Cahit, dann entdeckt auch Sibel ihre Gefühle, das Problem ist nur, dass Cahit seine Aggressionen nicht im Griff hat und Sibel viel zu egozentrisch ist um zu merken, wie sehr sie ihn verletzt. Erst als eine Katastrophe passiert, bekommen beide einen klaren Kopf ? für ihre Liebe ist es jedoch vermutlich zu spät.
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Eure Kritiken zu Gegen die Wand

  1. Tobi

    Zuerst kritisch…Hallo, also dann will ich auch mal was schreiben.. Ich habe mir den Film von Fatih Akin voller Erwartung angesehen, weil ich all seine Filme mag und gerade nach dem Gewinn des goldenen Bären schon sehr neugierig war. Ich muss sagen, dass der preis voll in Ordnung geht, denn Gegen die Wand istwirklich eine Weiterentwicklung im Schaffen des kleinen, großen Regisseurs Fatih Akin. Der Film ist absolut gelungen und unbedingt sehenswert. Geht in diesen Film!

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