KRITIK

Gefährten

Plakat zum Film Gefaehrten„The War has taken everything…“ –

Es scheint, als ob sich die besten Zeiten in der Karriere von Steven Spielberg als brillanter Regisseur so langsam aber sicher dem Ende zuneigen. Denn in immer auch nervigerer und nerdigerer Manier folgen mittlerweile unausgegorene und vermeidbare Produktionen für andere Regisseure (z.B. „Transformers“ für Actionspezialist Michael Bay) als auch immer mehr mäßige Regieleistungen, für die es bereits in der Vergangenheit teils heftige, teils kontroverse Kritik in den Feuilletons hagelte. Und auch der neueste Kinobeitrag „Gefährten“ bildet da in dieser Hinsicht keine Ausnahme. „Gefährten“ offenbart sich als der bisherige Blockbusterwitz 2012, neben Beiträgen wie „Für immer Liebe“ und „Die eiserne Lady“ beispielsweise, trotz einer gewisssen handwerklichen und darstellerisch soliden Qualität.

Gefährten Poster 2 „Can you imagine flying over a war and you know you can never look down? You have to look forward, or you’ll never get home. What could be braver than that?“ –

Nur warum? In pittoresken Bildern / formidabler Ausstattung nebst glänzend komponiertem John Williams-Score gedeiht zumindest in der ersten halben Stunde von „Gefährten“ die Hoffnung für den Betrachter, dass Steven Spielberg wieder an alte Regieglanzleistungen anknüpfen könnte, wenn er penibel darauf achtet, dass jede Gestik / Mimik seiner Darsteller, beispielsweise hier von Jeremy Irvine im Zusammenspiel mit seinem ihm treu ergebenem Ross sitzt, um so schnell wie möglich das Herz bzw. die Gunst des Zuschauers für sich gewinnen zu können. Aber leider liegt genau in diesem Punkt und den gut gemeinten Absichten von Steven Spielberg, noch einmal „Donner, Glanz und Gloria“ früherer Hollywood-Studio-Produktionen aufleben zu lassen, auch das größte Manko. Man kommt nicht darum herum zu glauben, dass Jeremy Irvine auf Gedeih und Gederb darauf gedrillt wurde, während des Drehs den Betrachter in „Faster, Harder And Intense“-Manier seine Rolle anzulegen, um ihn mit (nach bereits 10 Minuten!) rollenden Kulleraugen und herausquellenden Tränen (wenn das Pferd Joey ihm weggenommen wird) süffisant um den Finger wickeln zu können.

Jeremy Irvine erweckt ganz klar den Eindruck künstlicher Tränendrüsendrückermomente, welches die entstandenen Sympathien und die entsprechende Authenzität / Glaubwüridigkeit beim Betrachter sofort wieder zunichte macht. Steven Spielberg besaß einst das Talent, nicht nur seinen Geschichten freien Atem in Sachen Entwicklung zu zugestehen, sondern sich auch folgendem Motto/Credo zu bedienen: Don´t instruct the actors only, let them „evolve, as well as the story.“ Von diesem Talent ist im Falle von „Gefährten“ nicht mehr viel übrig geblieben. Steven Spielberg wagt sich an das kühne Experiment, Emotionen auf andere Art als üblich entstehen zu lassen, welches im Falle von „Gefährten“ bereits von vorneherein zum scheitern verurteilt ist. Zum Glück wurde bei diesem Experiment zumindest auf die überflüssige 3D-Optik verzichtet. Denn nicht die entsprechenden Bilder sorgen für die notwendige Bindung des Betrachters. Nein, „echte“ Gefühle und Glaubwürdigkeit tun dies, eröffnen die Pforte, um sich in einen Film fallen zu lassen. Dies aber zu erreichen, erweist sich im Filmgeschäft immer wieder als schwierige Herausforderung, die es zu bewerkstelligen gilt.

Gefährten Poster 3

„I promise you that if I can, I will return him to your care.“ –

Nichts desto trotz erweist sich der weitere Verlauf der Geschichte als durchweg diskutabel. Denn Steven Spielberg legt weniger Wert auf entsprechende Stringenz, sondern wechselt die vorhandenen Schauplätze / Orte der Handlung ziemlich zügig, so dass man erst einmal dazu geneigt sein kann, die Handlung als inkohärent verlaufend / nicht zusammenhängend einzustufen. Bei genauerer Betrachtung erweisen sich die auftauchenden Orte/Charaktere aber als ein einzig inszenierter, emotionaler McGuffin im klassischen Sinne von George Lucas, um die Handlung Stück für Stück weiterzuführen, am Ende zu einem Abschluss zu bringen und die eigene, über Gebühr banale Botschaft am Ende des Filmes nach dem zu jeder Zeit durchschaubarem Ausgang vermitteln zu können.

Der dünne, rote Faden in der Spielberg´schen Erzählung wird dem Betrachter immer wieder durch ein rötlich gefärbtes Tuch entsprechend vor Augen geführt. Plakativer geht´s nicht. Ebenso bringt Steven Spielberg den dann aufkommenden Fragen des wissbegierigen Betrachters überhaupt keinerlei Antwort entgegen. Nur die per Überschrift bereits vermittelte Erkenntnis in Form eines Zitates bleibt für den Betrachter enthalten. So verpufft „Gefährten“ im thematischen Ansatz, stellt sogar noch überflüssigerweise die Mündigkeit des Betrachters auf eine harte Geduldsprobe. Ja, der Mensch ist das schlimmste Tier von allen („King Kong“ von Peter Jackson lässt grüßen). Und er ist dafür verantwortlich, dass einem jedem alles Menschliche abhanden kommt.

Und schließlich erweist sich das Pferd „Joey“ als treuer Gefährte, menschlicher und aufrichtiger als der Mensch selbst. Ross und Reiter haben ihre Probe bestanden und erweisen sich als tapferer und mutiger als der Rest der Menschheit. Und dass der Krieg keine Gefangenen macht / keine Rücksicht auf Verluste nimmt, uns den letzten Funken Menschlichkeit austreibt, ist nicht erst seit Stanley Kubricks Beiträgen im Antikriegsfilmgenre bekannt. Kein Gefühl erweist sich als „echt“, Steven Spielberg kalkuliert vor der gewollten majestätischen Erhabenheit seines Filmes auf Gedeih und Verderb / derart pedantisch, manchmal schon übertrieben anmutend genau, was man als Betrachter zu sehen und zu empfinden hat, so dass im Verlaufe des Filmes immer mehr Distanz zwischen den eigenen, gut gemeinten Absichten und dem Publikum erwächst.

„Gefährten“ erweist sich nicht als wahrlich majestätisch im Inneren, beschert nicht dieses respekteinflössende Gefühl, welches vielen Filmklassikern von Spielberg selbst, James Cameron oder George Lucas anhaftete, besitzt keine Interpretationsvielschichtigkeit, sondern glänzt mit der leidlichen Eindimensionalität, welche aus vielen modernen 08/15 Hollywoodproduktionen (egal welchen Genres) mitterweile nicht mehr wegzudenken ist. Als philosophischer Gedankengang / Essay über die Inszenierung, als Stoff, welcher noch tagelang nach Sichtung beschäftigt, auch Dank der Interpretation des Subtextes, taugt „Gefährten“ zu keiner Zeit als Meisterwerk, höchstens als simpel zu konsumierender Konsensfilm. Spielbergs Film bricht seine doch vorhandene, aber dürre Prämisse auf den kleinsten Nenner herunter, formt den biedersten Konsens, um bei jedem Betrachter von vornherein wieder bei den Mandeln mit dem erhobenem, moralischem Zeigefinger wieder herauswinken zu können. Steven Spielberg fordert als Regisseur sein Publikum nicht mal ein kleines bisschen intellektuell heraus, um den Betrachter bei der Stange halten zu können.

Gefährten Poster 4

„It is an honor to ride beside you. Let every man make himself, and his country, proud. Be brave!“ –

So langsam zur Lachnummer gerät Spielbergs Film aber erst, als Jeremy Irvine dem Krieg beitreten darf, mit weit aufgerissenen Augen Angst und Panik vermitteln soll, um den Betrachter weiterhin mitreißen zu können. Man erinnere sich: bis dato konnte zu ihm gar keine emotionale Verbindung aufgebaut werden. Und als ebenso heuchlerisch erweist sich die Tatsache, dass sich Steven Spielberg in den Szenerien mit Jeremy Irvine zwischen Dreck, aufdringlichem Pathos, Geschrei und tödlichen Bunkern auch noch auffällig selbst inszeniert… Der Darsteller / Interpret heißt dann nicht Irvine alias Albert, sondern Tom Hanks in Erscheinung als Captain John H. Miller, per aufgelegter Schallplatte gilt: nicht die Bunker im ersten Weltkrieg schießen, sondern DIE in der Normandie. Steven Spielberg greift recht einfallslos auf seine (metaphorisch) verankerten Inszenierungsmuster zurück, um den Weg für seine platt ausgefeilte Message noch weiter zu ebnen.

Bis zum unrühmlichen Abschluss. Nebenbei wird dann auch noch nach einer achso überraschenden Gasattacke die nächste Plotkrücke installiert, um der inszenatorischen Vorhersehbarkeit von „Gefährten“ zu entgegnen. Ganz ehrlich: wer zweifelt eigentlich daran, dass Freund und Pferd am Ende wieder zusammenfinden? Und auch ein [Spoiler: vorgetäuschter Gastod des Hauptdarstellers]… kann an der Vorsehbarkeit des Endes der Geschichte nichts ändern. Vor über 25 Jahren hätte Steven Spielberg mit seiner simpel zu durchschauenden Überraschung sicherlich den Betrachter vom Hocker gerissen.

Gefährten Poster 5

„It’s World War I. The troops are being readied for battle and, in this case, it’s not just man who will need to be brave: It’s also the horses, including Joey.“ –„Gefährten“ erleidet endgültig inszenatorischen Schiffbruch, wenn Steven Spielberg, während „Joey“ in einen Stacheldraht gerät, seine Kriegspateien an der Front zu entsprechenden Knallchargen umformiert, welche die Aufgabe haben, in „lustiger“ Manier „Joey“ zu rufen und das Pferd zu befreien. Nebenbei wird die weiße Fahne geschwenkt, Engländer und Deutsche sprechen wie von Geisterhand plötzlich (in der synchronisierten Fassung) die gleiche Sprache. Eine echt blöde und überflüssige Einlage. Ebenso werden die Scheren aus den Gräben geworfen. „Gefährten“, ein Witz mit schalem Nachgeschmack. Solche auftretenden Slapstickattacken fühlen sich im Zuge der bis dato aufkommenden Ernsthaftigkeit einfach nur befremdlich an und behindern auch die Konzentration auf die Inszenierung. Ebenso rauben sie die entstehende Spannung, welcher für das Entstehen von emotionalen und ergreifenden Szenen unabdingbar ist.

Und zu guter letzt treibt Spielberg auch den sich nach und nach auftürmenden Kitsch so gekonnt auf die Spitze, so dass Jeremy Irvine in seiner Rolle als Albert – wenn er zu guter letzt sein Pferd Joey rufen darf – beinahe auch noch zur Karikatur / Lachnummer degradiert wird. Selbstverständlich wird „Gefährten“ am Ende vor malerischer Kulisse auch noch zu einem rund anmutendem Ende gebracht. Überraschungen und Innovationen gab es bis dato keine zu bestaunen.

Gefährten Poster 5 „Gefährten“ enttäuscht durch Steven Spielbergs schwarz-weiß inszenierter Denkensart, daraus resultierender Weltanschauung /Symbolik und schwingt als gediegener, durchschaubarer und kalkulierter „Oscar“-Beitrag die Pazifismuskeule so schlimm und platt wie schon seit einigen Jahren nicht mehr. Einzig und alleine naive Betrachter mit einem ausgeprägtem „Hang“ zur (gekünstelten) Pferde-Liebe dürfte „Gefährten“ gefallen.

 



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INHALT

GEFÄHRTEN befasst sich im Kern mit der besonderen Freundschaft zwischen dem Pferd namens Joey und dem Farmersjungen Albert (Jeremy Irvine). Albert schafft es, Joey zu zähmen und zu trainieren. Als beide gewaltsam voneinader getrennt werden, folgt der Film der außergewöhnlichen Reise des Pferdes auf seinem Weg durch den Krieg und zeigt, wie es das Leben zahlreicher Menschen, denen es unterwegs begegnet, auf positive Weise beeinflusst und für immer verändert. Unter anderem erfahren die Anhänger der britischen Kavallerie, die deutschen Soldaten und sogar ein französischer Bauer mitsamt Enkelin eine wunderbare Erfahrung– bevor die Geschichte im Niemandsland zwischen den Fronten einen bewegenden Höhepunkt erreicht.
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Eure Kritiken zu Gefährten

  1. nachgebloggt

    http://nachgebloggt.de/2012/08/19/gefahrten-dvd-review/

    Ich bin hin- und hergerissen von diesem Film. Einerseits war er natürlich völlig übertrieben und unrealistisch, andererseits total schön, traurig, eben gefühlsvoll, wenn man sich drauf einlässt. Man muss halt bereit sein sich auf diesen Film einlassen zu können, zu akzeptieren, dass hier nicht so viel Genauigkeit und Realismus auf den Ersten Weltkrieg liegt, sondern es um ein Pferd geht, dass auf seiner Reise mehrere Gefährten hat, dann ist der Film echt der absolute Hammer.

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