KRITIK

Gadjo Dilo – Geliebter Fremder

Gadjo Dilo – Geliebter Fremder „Gadjo Dilo“ kehrt auf raffiniert freche Weise herkömmlich implizierte Vorurteile um: So sind es die Bewohner des Dorfes, die viel Wert darauf legen, dass der Fremde sich gründlich wäscht und ordentliche Schuhe trägt. Stéphane ist ausdauernd, sein Ziel „Nora Luca“ stetig vor Augen, lässt er sich auf die fremde Welt mit ihren ihm fremden Menschen und Sitten ein, trinkt weiter Vodka, fällt auf die Schnauze und wird verarscht. Durch Stéphanes Augen gelingt es Regisseur Tony Gatlif sichtbar zu machen, wie er die Welt der Zigeuner sieht. Ein musikerfüllter Mikrokosmos, der sich lachend, weinend, leidenschaftlich, emotionsgeladen, genauso wenig von Vorurteilen lossprechen kann, wie die westlich zivilisierte Welt. Und was wäre ein Sozialstudie über ein leidenschaftliches Volk ohne das kleine Ding der Liebe: Getragen durch das herrlich weibische Geschöpf, das stolz vor lüstern sinnlicher Leidenschaft trotzt. Wenn der Schneidezahn der naiv kindischen Frauen in bunten Hexenkleider golden glitzernd ihr vulgäres Lachen ziert. Irgendwann taucht die raustimmige, wilde und burschikos weibliche, neugierig und aufbrausende Sabina (Rona Hartner) in Stéphanes Leben ein, wie wohl damals die Stimme der Nora Luca in das seines Vaters. Es dauert eine Weile bis der Konservenmensch begreift, dass in diesem Landstrich noch andere Frauen derart bis in Innerste anrührend singen können, dass der Musik größtes Instrument die Stimme ist, dass für jeden eine Nora Luca existiert. „Gadjo Dilo“ zeigt einen verrückten Fremden, dessen Empfinden der Zuschauer auf der anderen Seite unter seinen Rippen spürt. Irgendwo zwischen Bauch und Herz ist die Musik zuhause, die dem Film sein Gefühl gibt. Zwischen ergreifender Trauer und mitreißender Freude erzählt die Musik der Roma die Geschichte ihrer Seelen, die ausrangiert voller Lebensfreude südlich der Gesellschaft leben. Gatlif schafft es, das oftmals romantisierte Bild des mysteriösen Zigeunerlebens in einem bewegenden und vermeintlich realistischen Drama zu entmystifizieren. Die herzerfrischende traurigfröhliche Geschichte könnte streckenweise zur Idealisierung des zügellos intensiven Lebens der Roma führen, wären nicht ein Hauch von Rassismus, Fremdenhass und Gewalt impliziert. Der aus dem Leben gestanzte Film zeigt außer Duris und Hartner, die sich über ihre Rollen sehr nahe gekommen sein sollen, nur rumänische Laiendarsteller. Mit „Gadjo Dilo“ schließt Gatlif seine Trilogie über Roma und Rumänien („Les Princes“ und „Latcho Drom“) ab und konnte 1997 den Silbernen Leoparden und die Begeisterung des Publikums in Locarno gewinnen.



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INHALT

Nora Luca fällt mit dem Schnee und weht mit dem Wind. Es ist kalt als Stéphane auszieht, um in der Ferne zu finden, was nicht Schnee und Wind begleitet: Nora Luca, gekritzelt auf eine fliederfarben transparente Plastikkassette - Das Moment, dass Stéphane von Paris nach Rumänien führt, um die Stimme zu hören, die seinen Vater durch das sterbende Leben begleitete. Eine Odyssee durch das Land der Außenseiter, wo er selbst auf einmal zum Außenseiter wird. „Gadjo Dilo“ – Verrückter Fremder, der mit seinem Erscheinen ein kleines Zigeunerdörfchen in die Position stellt, über Fremde zu richten: Ein Dieb, ein Frauenschänder, ein Kinderklauer? - Verkehrte Welt, wo doch eigentlich den Roma und Sinti nachgesagt wird, zu klauen, zu räubern und zu schänden. Zum Glück gibt es Izidor, einen verrückten Alten, der es sich zur Aufgabe macht den schönen französischen Fremden mittels Vodka in das Zigeunerleben zu integrieren. Die Sprache ist eine zu überwindende Barriere, doch die Vorbehalte der Dorfbewohner sind nicht einfach auszutreiben. Stur und engstirnig treten sie dem Fremden entgegen und benötigen Zeit, ihn als ihnen ähnlichen Menschen zu akzeptieren.
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