KRITIK

Frozen River

Frozen River Frozen River ist das Debüt einer jungen Regisseurin. Budget: unter 1 Million Dollar. Schauspieler: kaum bekannt. Die Geschichte basiert auf ihrem eigenen Kurzfilm. Kann ein Film mit diesen Voraussetzungen der große Gewinner bei einer Oscar-Verleihung werden? Während in Hollywood Großproduktionen wie „Juno“ oder „Little Miss Sunshine“ noch immer als „independent“ bezeichnet werden, da ihr Budget unter denen der sonst üblichen Blockbuster liegt, sind Oscarerfolge der „wahren“ kleinen Filmemacher doch eher rar gesät. „Frozen River“ ist aber ein solcher.

An den Look des auf einer Panasonic Varicam digital gedrehten Films gewöhnt man sich schnell. Im Fokus liegt hier die Geschichte, in die man sich dank einer sehr dezenten Verwendung von Musik und Nahaufnahmen der Protagonisten schnell einlebt.
Filmemacherin Courtney Hunt erzählt die Geschichte von Ray Eddy (Melissa Leo), einer Mutter mittleren Alters, die mit ihren beiden Kindern in North Country lebt, einer kleinen Stadt nahe der kanadischen Grenze und eines Territoriums der Mohawk-Indianer. Ihr spielsüchtiger Gatte verlässt die Familie und nimmt obendrein noch die gesamten Ersparnisse mit. Ray Eddy macht sich auf die Suche und trifft dabei eine Mohawk namens Lila (Misty Upham). In ihrer finanziellen Not beschließen die beiden ihr Geld durch das Schmuggeln illegaler Einwanderer zwischen der Kanadischen und der US-amerikanischen Grenze zu verdienen.

Menschenschmuggel: Regisseurin und Drehbuchautorin Courtney Hunt hat es geschafft, einen kleinen, sensiblen und detaillierten Film über diese Thematik zu drehen. Die Spannungen zwischen zwei Völkern, die benachbart leben (müssen) rückt sie dabei unauffällig in den Hintergrund und konzentriert sich auf das gemeinsame Schicksal der beiden Frauen. Es kommt einem kaum in den Sinn, dass Ray und Lila ein Verbrechen begehen. Gezwungen aus ihrer Situation, gedrängt in neue Extremsituationen, unternehmen sie etwas, was nahezu ausnahmslos nachvollziehbar ist: Sie schließen sich zusammen, um für ihre Familien sorgen zu können. Auch für Hunt selbst ist der Film primär eine Geschichte über die Beziehung zwischen Müttern und Kindern. Diese Beziehung ist kulturell unabhängig. Doch grenzenlos wie die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern ist auch ein anderer Aspekt des Films, der sich sogar in der Tagline von „Frozen River“ findet: „Desperation knows no borders.“

Hunts Produktion, die in nur 24 Tagen im März 2007 gedreht wurde, avancierte zu einem Hit auf vielen Festivals. Und man darf auch behaupten, dass der Erfolg auch dem Zeitgeist des Films geschuldet ist. Finanzielle Not und unerwartete Veränderungen des Wohlstandes betrifft heutzutage nicht mehr nur die sog. Unterschicht. Eine Identifikation mit Ray und Lila ist somit leichter möglich.

An der etwas ungelenken Regie des Films merkt man, dass es sich hier um ein Debüt handelt. Handwerklich fehlt Courtney Hunt noch die Übung, um eine genauso packende Inszenierung zu schaffen, wie es die Geschichte oder das Drehbuch hergibt. Zu oft wirkt der Schnitt unrhythmisch (Kate Williams), zu oft sind einige Einstellung unpassend gewählt. Die Größe Stärke „Frozen Rivers“ ist jedoch, dass diese Unzulänglichkeiten kaum ins Gewicht fallen. Die Geschichte und die Charaktere sind so spannend und emotional packend, dass man den einen oder anderen Inszenierungsfehltritt gerne übersieht.

Sehr hoch anzurechnen ist die schauspielerische Leistung der beiden Damen. Melissa Leo wurde zurecht mit einer Oscarnominierung und zahlreichen anderen Preisen geehrt. Leider wurde jedoch zu oft bei solchen Veranstaltungen Misty Upham vergessen. Die 26jährige Schauspielerin setzt auf eine subtile, realistische Darstellung der Mohawk-Lady Lila und wird in keiner Szene von Leo an die Wand gespielt.

Frozen River ist in nahezu allen Aspekten ein packender und sehenswerter Film, der zwar viel (behandeln) will aber dies auch schafft.



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INHALT

Pünktlich zum Weihnachtsfest wird Ray Eddy, Mutter zweier Kinder, von ihrem spielsüchtigen Mann verlassen. Die Ersparnisse sind ebenso verschwunden wie die Chance, der Tristesse des Trailerparks an der amerikanisch-kanadischen Grenze zu entkommen. Den Wagen der Familie findet Ray aber wieder, gerade als die Mohawk Lila das Vehikel stehlen will. Das erste Treffen der beiden Frauen endet brüsk. Doch dann kehrt die verzweifelte Ray zurück, um mit der Mohawk-Indianerin einen waghalsigen Deal einzugehen: Gemeinsam mit Lila schmuggelt sie im Kofferraum illegale Einwanderer über einen zugefrorenen Grenzfluss. Den Lohn dafür benötigt sie dringend, will sie weiterhin für ihre Kinder sorgen können. Und so lässt sich Ray auf weitere Passagen und damit ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei ein...
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