KRITIK

Frost/Nixon

Nixon Ein Interview stellt jede Journalistin und jeden Journalisten vor eine große Herausforderung. Eine gute Vorbereitung wird verlangt, Einfühlungsvermögen und vor allem ein Gespür für die „richtigen“ Fragen. Schließlich soll der Leser in einem guten Interview mehr über die Person erfahren, über die er schon alles zu wissen glaubt. Übertroffen wird diese Herausforderung vielleicht nur noch von einem Fernsehinterview. In diesem anspruchsvollen journalistischen Genre stellt der Interviewer nicht nur die Fragen für sich, sondern als Stellvertreter auch für die Fernsehzuschauer.

In den USA hat dieses Genre eine lange Tradition. Journalisten und vor allem Politiker haben sowohl die Risiken aber vor allem auch die Chancen hinsichtlich der öffentlichen Meinungsbildung sehr viel früher erkannt als beispielsweise die Europäer. Als Highlight dieser langen Tradition darf ohne Zweifel die Interviewreihe von David Frost mit dem Ex-Präsidenten der USA, Richard Nixon, bezeichnet werden. Die Reihe wurde drei Jahre nach dem Rücktritt Nixons, im Jahre 1977 ausgestrahlt. Das mehrstündige Exklusiv-Interview von David Frost mit dem um Wiedergutmachung buhlenden Ex-Präsidenten erreichte eine Einschaltquote von bis zu 45 Millionen Zuschauern und gilt bis heute als der erfolgreichste Polit-Talk aller Zeiten.

Der britische Dramatiker und Drehbuchautor Peter Morgan, der bereits mit „The Deal“ (2003) und mehr noch mit „The Queen“ (2006) sein Faible für die Dramatisierung historischer Ereignisse bewies, stellte 2006 in seinem Theaterstück Frost/Nixon das Interview nach und konzentrierte sich dabei nicht ausschließlich auf das Gespräch selbst, sondern auch auf den beschwerlichen Weg dorthin. Nach großen Erfolgen in London und am Broadway war es nur eine Frage der Zeit, wann Hollywood dieses packenden Ereignis für die Leinwand adaptieren würde. Und mit Hollywood-Regisseur Ron Howard (“A Beautiful Mind”, “Apollo 13”, “The Da Vinci Code”) fand sich rasch ein Profi, der mit der Umsetzung eines historisch brisanten Stoffes bestens vertraut ist.

Howard beweist bei seiner Adaption Konsequenz, indem er neben der 1:1 Umsetzung mit Frank Langella und Martin Sheen auch die vielfach ausgezeichneten Hauptdarsteller der ursprünglichen Theaterfassung mit übernahm. Seine Umsetzung verzichtet hier jedoch auf jede Theatralik, sie ist nahezu reinstes Schauspielerkino. Sein Hauptaugenmerk liegt vor allem auf der Leistung der beiden grandiosen Hauptdarsteller. Langella und Sheen liefern sich einen verbalen und taktischen Boxkampf, dessen Brisanz sich bereits beim ersten Aufeinandertreffen entlädt. Zwei spiegelbildliche Antipoden, zum einen der geschmeidige Playboy Frost, zum anderen der verbitterte, im zwischenmenschlichen Umgang notorisch plumpe Nixon. Sehr früh erkennt der Zuschauer, dass die beiden mehr verbindet, als sie auf den ersten Blick trennt. Beide haben viel zu verlieren. Ein Kampf auf gleicher Augenhöhe also.

Auch wenn in Morgans Theaterstück und demnach auch in Howards Film die Bedeutung des Ganzen stark übertrieben wird, weil das Interview, abgesehen von der Quote, kein nennenswertes zeitgenössisches Medienecho gefunden hat, zeigt dieser Film deutlich und geschickt die Grenzen jener spekulativen Fortschreibung politischer Fakten auf, die Morgan (siehe „The Queen“) zu seinem Markenzeichen gemacht hat. In diesem Fall werden die Grenzen nicht überschritten. Der spannenden Inszenierung, der sensiblen Schauspielerführung und der tollen Leistungen der Darsteller ist es zu verdanken, dass beiden Figuren eine tragische Größe verliehen wird. Eines der spannendsten Duelle der Filmgeschichte.



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INHALT

Nach seinem Rücktritt als Präsident der USA hüllte sich Richard M. Nixon drei Jahre in Schweigen. Im Sommer 1977 erklärte er sich schließlich bereit, dem britischen Starmoderator David Frost ein Interview zu gewähren und Auskunft über seine Amtszeit und die Hintergründe des Watergate-Skandals zu geben. Nixon war sich gewiss, den als nicht zu schlagfertig bekannten Frost mühelos zu beherrschen. Doch als die Kameras laufen, überrascht ein blendend aufgelegter und bestens vorbereiteter Frost sein Gegenüber. Eine erbitterte Schlacht folgt, in dem die beiden Männer mehr Einblick in ihre Seele gestatten als zu erwarten war.
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