KRITIK

Friedliche Zeiten

Friedliche Zeiten Erstaunlich genug: Birgit Vanderbeke ist noch nie verfilmt worden. Dabei böten die kurzen Romane und längeren Erzählungen der nach wie vor hoch geschätzten Autorin besten Stoff für intelligente Unterhaltung. Umso größer nun die Enttäuschung, dass ihr 1996er Text „Friedliche Zeiten“ so mittelmäßig umgesetzt wurde.

Man schreibt 1968, es tobt der Prager Frühling, Familie Striesow lebt jetzt sieben Jahre in Westdeutschland: Kurz vor dem Mauerbau hat sie die Biege gemacht aus dem Osten, und noch immer ist sie nicht wirklich angekommen, was nicht nur an ihr selbst liegt. Dieter (Oliver Stokowski, „Die wilden Hühner und die Liebe“) kommt zwar klar und hat Arbeit, aber seine Frau Irene (Katharina Schubert, „Herr Bello“) hat hauptberuflich Angst, vor dem Dritten Weltkrieg ebenso wie vor Dieters (vermeintlichen) Affären. Täglich verrammelt sie sich und ihre drei Kinder in der Wohnung.

Von der ältesten Tochter Ute wird das Geschehen, das in einer durch die Töchter geplanten Scheidung der Eltern gipfelt und in genereller Ernüchterung mündet, retrospektiv per Off-Kommentar erzählt, in flapsigem Tonfall. Anders als in der Vorlage wirkt das im Film aber sehr schnell sehr aufgesetzt.

Regisseurin Neele Leana Vollmar setzt hauptsächlich Zeit- und provinzielles Lokalkolorit dagegen: viele Autos aus dem Fahrzeug-Fundus, sorgsam nachfrisierte Haarschnitte und akribisch arrangiertes Speiseservice, im Fernseher die atomkriegsbedrohliche Zeitgeschichte. So sahen die späten BRD-Sixties aus. Vielleicht nicht ganz so kulissenhaft.

Wie in ihrem ebenso halbgaren Erstling „Urlaub vom Leben“ findet Vollmars Inszenierung nicht den richtigen Ton. Sie schwankt zwischen Komödie und Alltagstragödie, nur wird es weder jemals richtig witzig noch wirklich bewegend; schade drum, immerhin schrieb die routinierte Dramödien-Autorin Ruth Thoma („Emmas Glück“) das Drehbuch.

Ein paar immer gern gesehene Darsteller haben ihre Auftritte, darunter Axel Prahl, Meret Becker und Gustav-Peter Wöhler, dann treten sie wieder ab – und auf die erste gute Vanderbeke-Verfilmung wird man weiter warten müssen.



Ähnliche Beiträge:

INHALT

Dieter und Irene sind aus der DDR in den Westen geflüchtet. Sie ein Nervenbündel mit Angst vor dem Dritten Weltkrieg, er, ein gutgelaunter Optimist, streiten sich ständig. Ihre Kinder, die gewitzten und fürsorglichen Töchter Wasa und Ute beschließen, dass die Scheidung der beiden wohl das Beste für alle wäre. Ihren kleinen Bruder Flori `erpressen` sie bei ihrem Komplott mit zu machen.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*