KRITIK

fremde Sohn, Der

fremde Sohn, Der Zu Beginn taucht man in eine verblichene Schwarzweißfotografie, in einen palmengesäumten Boulevard des Los Angeles anno 1928, das sich erst allmählich belebt und Farbe gewinnt. Es ist aber keine gute alte Zeit, die Clint Eastwood in „Der fremde Sohn“ beschwört.

Vielmehr erscheint die Metropole jener Tage als ein Sündenpfuhl aus Polizei-Korruption und Behörden-Willkür. Ganz ähnlich hat sie Curtis Hanson in seiner Neo-Noir-Ballade „L.A. Confidential“ beschrieben. Der Vorspann verheißt „eine wahre Geschichte“. Eastwood lässt den Zuschauer einsteigen wie in eines der Ford-T-Modelle, die überall die Straße säumen, und nimmt ihn mit auf eine düstere, staubige Americana-Road – vorbei an fast sämtlichen Genres, die Hollywood kennt. Der Regisseur erzählt in 140 Minuten ein Entführungsmelodram, einen Polizei-Thriller, ein Psychiatrie- und ein Gerichtsdrama, einen Serienmörder-Krimi und manches mehr.

Zusammengehalten wird sein Film von Angelina Jolie, die hier daran erinnert, dass sie nicht nur für Geburten, Adoptionen und Weltenrettungseinsätze, sondern auch als bisweilen hervorragende Schauspielerin berühmt ist. Sie spielt Christine Collins, eine allein erziehende, berufstätige Mutter, deren Sohn eines Tages im März 1928 entführt wird.

Der eigentliche Alptraum aber beginnt erst Monate später, als die Polizei verkündet, das Kind gefunden zu haben – und es sich als Wechselbalg entpuppt. Das bei den Bürgern unbeliebte Police Department aber bestreitet das, um nicht öffentlich einen weiteren Patzer eingestehen zu müssen. Collins wird als Verrückte diffamiert und schließlich in die Anstalt gesperrt.

Eastwood inszeniert diese brachiale Kollision zwischen den grotesken Lügen der Behörden und Christines verzweifeltem Beharren auf der Wahrheit mit sarkastischer Nüchternheit: Wenn etwa von der Polizei ein Arzt hinzugezogen wird, der verkündet, wegen des Traumas durch die Entführung könne Christines Sohn durchaus zehn Zentimeter geschrumpft sein.

Das sind Momente, die erkennbar auch auf die jüngste amerikanische Geschichte zielen, auf eine Politik des Betrugs und der Selbstherrlichkeit. Dagegen setzt Eastwood, mit durchaus berührendem Pathos, eine Vision von Gerechtigkeit und Hoffnung.



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INHALT

Im Los Angeles des Jahres 1928 verabschiedet sich Christine Collins von ihrem neunjährigen Sohn Walter, um zur Arbeit zu gehen. Am Abend ist der Junge spurlos verschwunden. Christines verzweifelte Suche ist gefundenes Fressen für die Presse. Monate später wird ein Junge, der behauptet Walter zu sein, zu ihr gebracht. Sie erlaubt ihm zu bleiben, weiß aber, dass er nicht ihr Sohn ist. Und sucht unbeirrt weiter, immer größerer Widerstände zum Trotz.
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Eure Kritiken zu fremde Sohn, Der

  1. tine

    Ein sehr fesselndes, handwerklich perfektes, Schaustück menschlicher und behördlicher Abgründe und daher schon fast ein Horrorfilm …

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