KRITIK

Freischwimmer

Freischwimmer Wer aufs Franz-Kafka-Gymnasium geht, dessen Schülerleben steht nicht eben unter dem hellsten Stern. Der junge Rico Bartsch (Frederick Lau), ein Außenseiter in seiner Klasse, scheint sich tatsächlich nicht selten wie ein Protagonist des Prager Weltverdüsterers zu fühlen, unschuldig zu allen möglichen Strafen ohne Sinn verdammt.

Rico ist hörgeschädigt, hat keinen Schlag bei den Mädchen, und ausgerechnet der fiese Sportlehrer Richard Sammer (Devid Striesow), der ihm mitleidlos sein Versagen bei der Schwimmprüfung vorhält, hat eine heiße Affäre mit Ricos Mutter (Dagmar Manzel). Zudem sieht es so aus, als hätte in dem verträumten Heimatort des Jungen, wo alles einen geordneten Gang geht, niemand außer ihm selbst Probleme. Doch als ein Mitschüler von Rico unter obskuren Umständen stirbt, beginnt die heile Fachwerkfassade zu bröckeln. Immer beunruhigendere Seiten der Menschen in Ricos Umgebung treten hervor, sogar beim feinsinnigen Kunstlehrer Wegner (August Diehl), dem einzigen Vertrauten des Jungen. Und auch er selbst scheint ein ungekanntes Gesicht zu besitzen.
Schon wegen seines schönen Schauplatzes – gedreht wurde in Monschau – sticht Andreas Kleinerts Film aus dem Gros befindlichkeitsverliebter deutscher Großstadt-Balladen hervor, und der düstere Märchenton, den der Regisseur anschlägt, ist eine willkommene Abwechslung zur bedeutungsschwangeren Schweigsamkeit der Berliner-Schule-Filme. Kleinert, der zuvor mit dem Wendedrama „Wege in die Nacht“ auffiel, mischt zwar die Stile, sein Film trägt Züge von mysteriösem Krimi, Pubertäts-Drama und makabrer Satire, bleibt aber im Herzen eine Grimm`sche Moritat – symbol- und bildstark, aufgeladen mit sexueller Spannung und beseelt von der Romantik einer Nachtwanderung im Schwarzwald.

Sicher, manche Figuren sind etwas grob geschnitzt, und die Moral von der Geschichte lockt auch keinen Wolf aus Großmutters Bett hervor, aber allein wegen des hervorragenden Ensembles, das bis in die Nebenrollen exzellent mit deutschen Theaterstars wie Fritzi Haberlandt besetzt ist, bleibt man gebannt. Neben dem jungen Frederick Lau („Die Welle“) gefällt dabei vor allem August Diehl als undurchsichtiger Mensch, den die Sehnsucht nach dem antreibt, was sich alle Lehrer wünschen: totale Stille



Ähnliche Beiträge:

INHALT

Einzelgänger Rico wird wegen seines eingeschränkten Hörvermögens und weil er die Freischwimmer-Strecke nicht schafft gehänselt. Dagegen kriegt Robert alles, was er will: das schönste Mädchen, die Medaille beim Wettschwimmen und Anerkennung. Da stibt Robert an einem vergifteten Cremeschnittchen, das er zuvor Rico geklaut hat.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eure Kritiken zu Freischwimmer

  1. Christian

    Ein überraschend guter Film aus Deutschland, Mix aus Thriller, Coming-of-Age Komödie und Kleinstadtdrama. Vor allem dank der hervorragenden Darsteller sehr sehenswert.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*