KRITIK

Free Fire

Bild (c) 2017 24Bilder/Splendid Filmverleih.

Ein Mann liegt am Boden. Im Hintergrund ein Schusswechsel. Besagter Mann wird an der Schulter getroffen. Ein Streifschuss. „Shit, ich bin getroffen“ (leicht gequälter Gesichtsausdruck). Das Publikum lacht. Perspektivwechsel. Ein unbekannter Scharfschütze, der zuvor mit gezielten Treffern für reichlich Unruhe gesorgt hatte, fällt unter einem Maschinengewehr-Kugelhagel von einem Krangerüst. Das Publikum johlt. Puh, mal halblang … Ein Shoot-Out, das zahlreiche Lacher evoziert? Ja, ist im Kino nicht neu. Doch immer wenn ein Schusswechsel in einem Hollywood-Film zur Lachnummer verulkt wird und sich damit intellektuell gegen sich selbst aufbäumt, fiel einem bislang zunächst der Name Quentin Tarantino ein. Oder einigen jüngeren Kinofans vielleicht noch der Name Tim Miller in Bezug auf seine eskapistische Zoten-Parade „Deadpool„.

Eine „coole“ Schießerei mit Unterhaltungspotential? Dies hatte das britische Regie-Wunderkind Ben Wheatley („Sightseers“, „High-Rise„) anscheinend noch nicht auf der „Director-Things-to-do-list“. Und wollte dies hiermit wohl schnellstmöglich ändern. Unter Mithilfe von Martin Scorsese, der als ausführender Produzent nicht nur seinen Namen sondern sicherlich auch sein Wissen aus nunmehr über 30 Filmen als verantwortlicher Regisseur bzw. Produzent in das Projekt „Free Fire“ mit einbrachte (vor allem im Bereich Charakterzeichnung innerhalb eines Gangster-Milieus) darf hier nun munter drauf los geballert werden. Und Scorsese ließ Wheatley bei seiner völlig missglückten „Ich-musste-diesen-Film-unbedingt-machen“-Idee freie Hand.

Soll heißen: Fasziniert von einer Polizeimeldung, also basierend auf (fast) wahren Begebenheiten, treffen in einer Lagerhalle zwei unterschiedliche Gruppen aufeinander. Für einen Waffendeal. Wir schreiben das Jahr 1978, die Koteletten sind haarig, die Oberhemden bunt und die Hosen haben Schlag. Die illustre Schar der Teilnehmer liest sich wie aus einem „Characters you need for a joking shoot-out“-Handbuch: Der zugedröhnte Tollpatsch, der smarte Schöne, die wichtige Witzfigur, der „Quoten-Schwarze“ und die taffe Schönheit. Im Fall von „Free Fire“ sind nahezu alle Charaktere vertreten, und mehr noch, bis an den Rand der Lächerlichkeit überzeichnet.

Beginnend mit Stevo (Sam Riley als zugedröhnter Tollpatsch) und Bernie (Enzo Cilenti), die in ihrem klapprigen Van auf Frank (Michael Smiley) und Chris (Cillian Murphy) treffen. Letztere, ehemalige irische Untergrundkämpfer, wollen in einer verlassenen Lagerhalle irgendwo in der Nähe von Boston Schnellfeuerwaffen kaufen. Die hübsche Justine (Oscar-Gewinnerin Brie Larson) hat den Deal eingefädelt. Ihr zur Seite steht Ord (Armie Hammer, als der smarte Schöne), um die Gruppe irischer Ganoven um Anführer Chris mit dem berüchtigten Waffendealer Vernon (Sharlto Copley als wichtige südafrikanische Witzfigur) zusammen zu bringen. Zunächst scheint alles nach Plan zu verlaufen, bis Stevo auf der Gegenseite einen „alten Bekannten“ aus einer Kneipenschlägerei erkennt.

Als in der angespannten Atmosphäre die ersten Sicherungen durchbrennen, geraten der Deal und damit auch die Figuren zur Nebensache. Wheatley lässt die Kugeln fliegen. Und sie fliegen reichlich. Und lange. Nahezu die kompletten letzten 80 der insgesamt viel zu langen 90 Minuten. Wheatley inszeniert den Kugelhagel „state of the art“, also inklusive „mitfliegender“ Kamera, in Zeitlupe, in zahlreichen Einschusslöchern in Beton, auf Stahlträgern und schließlich in sämtliche Körperteile. Meist ist das Resultat ein „Autsch„, „er hat mich getroffen“ oder „so sieht also Gehirn aus..„.

Anders als in Filmen von beispielsweise Tarantino („Reservoir Dogs“) oder Robert Rodriguez, die in zahlreichen Kritiken immer wieder angeführt werden, sind die Charaktere in „Free Fire“ nicht nur völlig überzeichnet sondern dem Regisseur auch komplett egal. Dahingehend ist der Film innen so hohl wie nur wenige andere. Das anfängliche Interesse an den Figuren oder an einer möglichen, jedoch hahnebüchen kolpotierten Liebesgeschichte verfliegt im Kugelhagel der verstaubten Lagerhalle. Die überzeichneten Charaktere werden zu Ausfüllungsgehilfen für inszenatorische Fingerübungen.

Nach etwa 40 Minuten liegen alle Beteiligten am Boden, rutschen in die nächste Deckung oder suchen nach einem Ausweg. Es werden „Freundlichkeiten“ ausgetauscht, vermeintlich coole One-Liner vom Format: „Mist, ich habe vergessen, auf wessen Seite ich eigentlich bin„. Als wenig später zwei Scharfschützen auftauchen, von denen niemand weiß, woher sie kommen, besteht Anlaß zum Fremdschämen. Aber das Publikum lacht. Siehe oben. Ein Genre wird entkernt. Im Vergleich zu Wheatleys vorangegangen Filmen ist die Fingerübung „Free Fire“ für Fans eine riesengroße Enttäuschung.

 

Kritikerspiegel Free Fire



Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
3/10 ★★★☆☆☆☆☆☆☆ 


Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Durchschnitt
5/10 ★★★★★☆☆☆☆☆ 


 

 

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