KRITIK

Frau Müller muss weg

Bild (c) 2014 Constantin Film Verleih GmbH.

Bild (c) 2014 Constantin Film Verleih GmbH.

Das Verhältnis zwischen Theater und Kino ist aller Unkenrufe zum Trotz ein ambivalentes. Theater hat eine wesentlich längere Historie, das Spiel auf der Bühne ist greifbarer, näher und damit authentischer. Die Geschichte des Kinos ist wesentlich jünger, das Geschehen kommt aus der Konserve, es wurde geformt, ist damit manipulativ, bietet dadurch aber auch wesentlich mehr Möglichkeiten, nicht zuletzt durch zahlreiche Perspektivwechsel. Ein Theaterstück als Film sollte sich treu bleiben, sich dieser zusätzlichen Möglichkeiten aber auch bedienen (können). Negativbeispiele von Vernachlässigungen eben jener gibt es jedoch viele. Nicht zuletzt bei Großmeistern ihres Faches. Alfred Hitchcock beispielsweise war mit seiner Adaption des gleichnamigen Patrick Hamilton Stückes „Rope – Cocktail für eine Leiche“ (1948) nie wirklich zufrieden („ein fehlgeschlagenes Experiment„). Verwunderlich nun, dass ein versierter Regisseur wie Sönke Wortmann fast siebzig Jahre nach Hitchcock immer noch dieselben Fehler macht.

Dabei beginnt der Kinofilm des gleichnamigen Theaterstücks „Frau Müller muss weg“, ebenfalls von Lutz Hübner und Sarah Nemitz geschrieben, sehr vielversprechend. Einem gewaltsamen Eindringen in die friedvolle Beschaulichkeit eines leergefegten Schulhofes gleich wird der Geländewagen des jungen Yuppie-Paares Jeskow (Mina Tander, Ken Duken) mitten vor der Haupteingangstür einer Grundschule geparkt. Leidgeplagte Eltern von Vorschulkindern dürften das kennen. Erziehungsberechtigte bringen sich in Stellung. Im Geiste dieser martialischen Semiotik dringt ein weiteres Paar in das Geschehen ein. Hape und Jessica Hövel diskutieren noch im Auto über den „Schlachtplan“, den es in den nächsten 117 Filmminuten abzuarbeiten gilt. Siehe Filmtitel.

Gib zu, dass Dir das ein wenig Spaß macht“ stichelt Hape Hövel (Jürgen Maurer) seine taffe Ehefrau und Beifahrerin (Anke Engelke), die sich in der Rolle der wortführenden Judicative als auch Exekutive sieht und kaum abgelenkt letzte Hand an ihren finiten Vernichtungsplan legt. Mit Fahrradhelm bzw. Strickschal ausgestattet, komplettieren wenig später Wolf (Justus von Dohnanyi als weinerlicher Loser) und Katja (Alwara Höfels) das kriegerische Sextett. Auf geht’s ins Gefecht! Im gleichnamigen Theaterstück übrigens, das nicht nur Kinoregisseur Sönke Wortman (2012 für das Berliner GRIPS-Theater) bereits inszeniert hat, sieht diese Szene wie folgt aus: Vorhang auf, ein Tisch, sechs Personen, Spot an … Kino kann so gemein sein.

Bild (c) 2014 Constantin Film Verleih Tom Trambow.

Bild (c) 2014 Constantin Film Verleih Tom Trambow.

Diese kleinen Einfälle im Film von Sönke Wortmann, Übertreibungen, sämtliche Verpackungen mit Schleifchen und Tüttüü sind es jedoch dann auch, die das hervorragende Theaterstück zu einem überflüssigen Kinofilm machen. Mitverantwortlich dafür dürfte Oliver Ziegenbalg („1 ½ Ritter„, „Russendisko„, „Friendship“) sein, der seinen meist TV-erprobten Darstellern zusammen mit den oben genannten Autoren oft alberne Geschehnisse (Smartphone fällt ins Schulschwimmbecken, Kaffeeautomat spuckt unzählige Becher aus) ins Drehbuch schrieb. Zu weit weg von den Charakteren, die zu Karikaturen werden. Schade.

Denn bissig, wortgewaltig und geistreich werden von den furios aufspielenden Darstellern (Anke Engelke am Rande der Karikatur) Argumente vorgetragen, einem göttlichen Gemetzel nicht unähnlich, die jede Grundschullehrerin bis ins Mark erschüttern müssten. Nicht so die titelgebende Frau Müller (fehlbesetzt: Gabriele Maria Schmeide), die ihrerseits zum Gegenangriff ausholt und die verzogenen Kinder der anwesenden Eltern für die schlechten Noten des letzten Jahres mit verantwortlich macht. Um dann wenig später den Klassenraum zu verlassen. Licht aus. Vorhang. Ende des ersten Aktes … Im Theater. Nicht so im Kino.

Hübner, Nemitz und Ziegenbalg schicken die aufgewühlten Viertklässler-Eltern zunächst auf Suchtour durch die schmucke Schule (Smartphone im Wasser, Engelke halbnackt, hunderte Becher aus dem Automaten, hahaha!) und wenig später auf einen Selbstzerstörungstrip (zurück zum eigentlichen Theaterstück), der schließlich in Handgreiflichkeiten mündet und die penibel überlegte Abdankung einer Lehrerin nicht zuletzt als Demontage des guten Benehmens von unfähigen so genannten Helikopter-Eltern entlarvt.

Das ist größtenteils Slapstik, wenig Ernsthaftigkeit und in den Leerstellen, die das Kino anfüllen sollte, überflüssige Belanglosigkeit. Ein typischer Wortmann-Film eben. Wie hätte das Stück wohl in den Händen eines Regisseurs wie beispielsweise Roman Polanski („Gott des Gemetzels„) ausgesehen?

 

 

 



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