KRITIK

Football Under Cover

Football Under Cover Die Geschwister Assmann aus Berlin spielen gerne Fußball und wollten einen Film über ein ganz besonderes Match drehen. Nun ist der Film die
Abbildung einer Wirklichkeit, die es ohne ihre Abbildung gar nicht gegeben hätte. Alles klar? Nein? Also der Reihe nach. Marlene, Corinna und Valerie Assmann spielen Fußball in Berlin-Kreuzberg. Ihr Verein heißt BSV Al-Dersimspor. Marlene, 1981 in Heidelberg geboren, studiert (Film-)Montage an der bekannten Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf (HFF) in Potsdam-Babelsberg. Ihr Bruder David ist seit 2001 an der Universität Mainz für das Fach Mediendramaturgie eingeschrieben. Als das Geschwisterpaar 2005 im Wettbewerb Talent Campus auf der Berlinale, den Iraner Ayat Najafi kennenlernt, entdecken sie sofort ihre zweite große gemeinsame Leidenschaft: Die Liebe zum Fußball. Marlene Assmann erfährt vom Iranischen Filmemacher Ayat Najafi, dass der Iran eine Frauen-Fußball-Nationalmannschaft hat, die noch nie gegen ein anderes Team gespielt hat. Sie überredet ihre Mannschaftskameradinnen vom BSV, gegen das iranische Team anzutreten. Allen ist von Anfang an klar, sowohl das Spiel als auch die Vorbereitungen auf das Spiel müssen in einem Film festgehalten werden.

Bereits mit den Vorbereitungen auf das Spiel in Teheran wird allen Beteiligten schnell klar: Der Islam und die Frauen – hier sind Unterdrückung und Rechtlosigkeit an der Tagesordnung. Frauen haben keinen Zutritt zum Stadion. Wenn sie ohne Kopftuch im Park trainieren wollen, wie die selbstbewusste Niloofar, dann müssen sie sich verkleiden. Als Mann. Und zu Allah beten, dass sie nicht entdeckt werden. Für deutsche Fußballerinnen eine undenkbare Situation. Als die Berliner Mädels sich dafür entscheiden, diese andere Fußballkultur kennen zu lernen und dafür nach Teheran zu reisen, ist ihnen noch nicht bewusst, welche Probleme auf sie zukommen. Befürworter des multikulturellen Matches wollen gefunden, Visa genehmigt, und ein Stadion sowie ein Termin organisiert werden. Und obwohl das Vorhaben zwischenzeitig zu scheitern droht, gelingt es ihnen und sie stehen allesamt mit Kopftüchern bekleidet in einem iranischen Stadion. 4.000 Zuschauerinnen – und zwar ausschließlich Zuschauerinnen – jubeln ihnen begeistert zu. Diesmal müssen die Männer draußen bleiben und bekommen den Hauch einer Ahnung, wie sich Diskriminierung anfühlt.

Der gelungene Film der Geschwister Assmann ist ein Paradoxon. Das Spiel, um das es geht, hätte es ohne den Film nicht gegeben. Der Film dokumentiert nicht, was andere tun, sondern treibt durch sein Vorhandensein die Handlung an, die nicht dokumentiert, sondern erlebt wird. Lediglich ein sparsamer Off-Kommentar der Ideengeberin Marlene Assmann begleitet die Handlung. Der Film schickt den Zuschauer mit einem abenteuerlichen Steilpass in ein fremdes Land und eine Kultur, die nicht einmal aus iranischer Sicht so ganz zu durchschauen ist. Während ein Kamerateam die Vorbereitungen auf das Match in Berlin festhält, begleitet ein anderes Kamerateam, wie sich der junge iranische Regisseur Ayat Najafi, der nicht nur hinter, sondern auch vor der Kamera agiert, sich fast im Behördendschungel von Teheran verdribbelt, wie er sich in einer Mauer aus Wadentretern festrennt und wie er mit offensivfreudigem Optimismus trotzdem losstürmt.

Dieser 86 Minuten lange Film ist mehr als eine Dokumentation über die Vorbereitung auf ein Fußballspiel. Dem Film gelingt es, interessante Einblicke in die Lebensumstände beider Länder zu veranschaulichen. Auch wenn die Protagonistinnen in ihrer naiv, schnoddrigen Art manchmal an ähnliche Charaktere aus vergleichbaren Filmen wie beispielsweise „Prinzessinnenbad“ (2007) erinnern, sind es hier nicht nur die Personen, sondern die politischen Umstände und die politische Brisanz der Aktion, die diesen Film so unvergleichlich machen.



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INHALT

Teheran im April 2006: Vor mehr als 1000 jubelnden Frauen findet das erste offizielle Freundschaftsspiel zwischen der Iranischen Frauen-Nationalmannschaft und einer Berliner Mädchenbezirksmannschaft statt. Auf den Rängen wird getobt, es wird gesungen und getanzt, über dem Stadion schwebt eine geballte Ladung Frauenpower. Draußen vor den Toren ein paar Männer, die versuchen, einen Blick durch den Zaun zu erhaschen. Für sie ist der Eintritt heute verboten. Bis zu diesem historischen Ereignis war es ein langer und steiniger Weg.
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