KRITIK

Fifty Shades of Grey: Gefährliche Liebe

Bild (c) 2017 Universal Pictures Germany.

Titelheldin Anastasia Steele hat ein Problem: Sie behauptet, zu viel Jane Austen und Emily Brontë gelesen zu haben – und nun käme kein Mann diesem literarischen Bild aus ihren Romanen nahe. Ja, Ana ist eine Romantikerin. Hätte sie sich stattdessen E.L. James gewidmet, ihr Leben wäre sicherlich um Einiges erhellender. Im ersten Teil der Reihe „Fifty Shades of Grey“ zielte Regisseurin Sam Taylor-Johnson zusammen mit Drehbuchautorin Kelly Marcel auf eine höhere Ebene: Wie weit dürfen die Grenzen zwischen „Objekt“ und „gleichwertigem Partner“ in einer Beziehung verschoben werden? Allein in Deutschland wollten mehr als 3 Mio. ZuschauerInnen diesen Diskurs „miterleben“ und konnten anschließend darüber streiten, ob beide Probanden die Ebene der Erkenntnis erreicht hatten.

Vor dem Hintergrund dieser Fragestellung sollte man dankbar sein, dass eine der Beteiligten, die Studentin Anastasia Steele, über eine brüske und geistreiche Zunge verfügt. E.L. James´ in Purpur gewickelte BDSM-Posse erlangte so eine hinnehmbare Erweiterung.

Die Fortsetzung „Fifty Shades of Grey: Gefährliche Liebe“ ist nun bar dieses Zungenschlages genau das, was man bereits bei der ersten Verfilmung der Erfolgsromane befürchtet hatte: Ein in teures Parfüm getunktes Stück seifiges Kino. Der angesteuerten Kundschaft wird dieser Mix aus Lip-Gloss und devoter Dienstbarkeit sicherlich gefallen. Denn geboten wird ein leicht erotisches Abtasten, alles sehr dem schwülstigen Tonfall der Vorlage verpflichtet, zum großen Teil wortgetreu übernommen. Nichts hingegen will „50 Shades Darker“, so der englische Originaltitel, tun, um der angedrohten Düsterkeit des Originaltitels gerecht zu werden. Dafür ist die allzu cleane Erotik-Klamotte voller missverständlicher SM-Klischees exakt sexy genug, um durch ein kleveres Marketing das (junge weibliche) Zielpublikum wuschig zu machen.

„Fifty Shades of Grey“ lieferte nach einer langen, quälenden und für viele doch eher romantischen Verklärung ein eher unterkühltes Adieu. An dieser Stelle bot der erste Teil des Franchises eine Vorlage, die das Potential für ein wirklich großes Ende im modernen Hollywoodkino gehabt hätte. Konjunktiv II, denn die Drohung einer Fortsetzung war schon vor den ersten Minuten des ersten Films ausgesprochen. Dabei hätte sich bereits die Narrative des ersten Bandes besser für einen alleinstehenden Film als für einen Auftakt zu einer Trilogie geeignet. Die einst schüchterne Anastasia (Dakota Johnson) wäre durch den missbräuchlichen S&M-Fan Christian Grey (Jamie Dornan) an ihre Grenzen gebracht worden, nur um zu begreifen, dass sie besser ohne ihren „Lehrmeister“ dran ist und keinen Macht-Potentaten braucht, um sich als Ganzes zu fühlen. Der Umstand, dass sie doch diese „Romanze“ fortführt, zeichnet ein sehr misogynes Bild und vernichtet einen ansonsten gut skizzierten Charakter bereits im ersten Anlauf.

Um es mit Coldplay zu sagen (intoniert durch die britische Soulsängerin Corinne Bailey Rae): „Take us back to the start„. Genau so beginnt „Fifty Shades Darker“. Drei Wochen ist es her, seit Anastasia und Christian ihr Arrangement aufgehoben haben (hier von Beziehung zu sprechen, wäre absolut unpassend). In der Zwischenzeit mussten natürlich einige Seelen gesucht, Schlaf gefunden und mamorierter Untergrund bewandert werden. Kurzum, Christian ist verzweifelt und will Ana zurück. Im Film wird diese Bitte mit einem The Weeknd Cover des Jackson Five Hits „I Want You Back“ untermalt. Der Soundtrack drückt noch härter und öfter auf den Pop-Auslöser als der Vorgänger.

Fühlt Anastasia ihm nach? Trotz neuem Traumjob und Traumtypen zum Anschmachten (Eric Johnson) gibt es dafür ein eindeutiges „Ja!“ Doch dieses Mal bitte „ohne Regeln, ohne Bestrafung und ohne Geheimnisse.“ Hier wäre es eigentlich nicht nötig anzumerken, dass, wenn diese drei simplen (und allgemeingültigen) Prinzipien einer Partnerschaft befolgt werden würden, es keine Fifty Shades-Fortsetzung geben würde. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Nein, es braucht tatsächlich nur ein Abendessen und ein wenig selbstlosen Cunnilingus, schon eilt die einst so lebhafte Anastasia zurück an Christians Seite. Kurz darauf schenkt er ihr zwei Vaginalkugeln, entführt sie zu einem Maskenball und verbietet ihr herrisch und eifersüchtig Ausflüge mit ihrem neuen Chef.

Auch wenn der erste Teil sich noch bemühte, eng an den frauenfeindlichen Untertönen ihrer ungesunden Beziehung vorbeizugleiten, indem Anastasia mit einem starken, suchenden und bisweilen skeptischen Blick auf das ungleiche Arrangement versehen wurde, fällt es in „50 Shades Darker“ sehr viel schwerer zu verstehen, was Ana denn nun möchte – oder gar, was die vorangegangenen Erlebnisse mit dem Multimilliardär Christian Grey aus ihr gemacht haben. In der einen Minute möchte sie den Hintern versohlt bekommen, in der nächsten wird sie von Christians aggressiver Dominanz abgestoßen.

Schmerzvoll steuert sie so auf den gleichen Ausgang des ersten Teils zu, hier jedoch überdeckt mit einer seltsam selektiven Amnesie Christian Greys grausame Triebe betreffend. Sicherlich könnte man versuchen, Masochisten und Sadisten Zwangsstörungen zu unterstellen, aber allein der Versuch einer tiefenpsycholigischen Deutung wird in „50 Shades Darker“ schnell in viel nackter Haut, industriell gefertigter Unterwäsche und unsichtbarer Misshandlungen ertränkt. Klare Statements? – nein danke!

Eventuell liegt der Grund darin, dass die zweite Verfilmung der Reihe die weibliche Perspektive gegen einen allwissenden Beobachter getauscht hat? Oder dass es auch hinter den Kulissen an verantwortlichen Frauen mangelt? Regisseurin Sam Taylor-Johnson und Autorin Kelly Marcel wurden durch B-Film-Veteran James Foley und Drehbuchautor Niall Leonard (besser bekannt als Mr. E.L. James) ersetzt. Leonard ist es zwar zu verdanken, dass er die Autorenstimme seiner Frau besser aus dem Film filtern konnte, aber im Vergleich zu „50 Shades of Grey“ verkümmert der innere Monolog doch sehr zur Clownerie (respektive Harlequinesse). Als Resultat lassen Anastasias´ und Christians Begegnungen viel kecken Witz hinter einem Knebel verschwinden. Wie Greys Schwester Mia (eine gut platzierte Rita Ora) anmerkt: „Der Mann hat alles, nur keinen Sinn für Humor.

Zu Leonards Verteidigung sei gesagt, er hält sich brav an noch weniger Material als das, welches einst Kelly Marcel zur Verfügung stand. Es gibt kaum Inhalt, dafür aber umso mehr Ecken und Haken in der Narrative: Die Spannung zwischen Anastasia und dem neuen Chef, Stalking durch eine von Christians vormaligen Subs (Belle Heathcote), Reibung mit der sexuell-missbräuchlichen Tante aus Christians Jugend (eine feine, aber völlig unterforderte Kim Basinger) sowie ein Helikopterunglück (welches deutlich weniger Spuren hinterlässt als eine Runde im Roten Raum). Trotz dieser Subplots haben die zwei Hauptcharaktere schlichtweg viel zu wenig zu tun. Deswegen wird ganz tief in die erzählerische Trickkiste gegriffen und die wichtigste Auseinandersetzung von verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.

Dennoch, allen strukturellen und psychologischen Defiziten zum Trotz, fällt es schwer, nicht doch ein klein wenig Unterhaltung aus dem zweiten Teil zu ziehen – zumindest auf Basis der beschränkten Möglichkeiten aus der Vorlage. James Foley kann (nach dem völlig versemmelten „Perfect Stranger“) nun wieder zum samtigen Trash aufspielen. Er versucht erst gar nicht die „Sex“-Szenen mit viel künstlicher Spannung zu versehen (wie im Vorgänger Taylor-Johnson). Aber – auch dank Kameramann John Schwartzman – stattet er alles mit einem seidigen Finish und einer überzogenen Verspieltheit aus, das Omas Kaffeetisch vor Lust jauchzen würde.

Tatsächlich ist „50 Shades Darker“ außerhalb des Schlafzimmers (oder des Roten Raums) viel verführerischer als in ihm: Eine „verführerische“ Idee (ohne Slip im Restaurant, Liebeskugeln auf dem Maskenball etc.), dessen Ausführung und das darauffolgende Verlangen… „Draußen“, das heißt hier aber auch pure Lifestyle-Pornografie, ein Leben im Turbokapitalismus: venezianische Maskenbälle mit übersteuerter Kunstlenkung und Monique Lhuillier Kleidern, viel zu große Segel-Yachten, alles ummantelt von einem cremigen Pop-Soundtrack, dessen finales Crescendo von Taylor Swift und Zayn Malik geliefert wird.

Die einzigen beiden Stars der Handlung beißen bei so viel Verpackung in den sprichwörtlich sauren Apfel und vollziehen ihr Schauspiel mit wenig Aufwand. Dakota Johnson, im ersten Teil erstaunlich einsatzfreudig, hat hier nicht im Ansatz so viel zu tun wie im Vorgänger, gibt sich dennoch betörend zugänglich, liefert eine neugierig-auf-mehr-machende Leinwandpräsenz, trotz der unverständlichen Bewusstseinssprünge innerhalb ihrer Rolle. Jamie Doran wiederum bietet ein paar mehr Stoppeln im Gesicht und noch mehr Gym-Body, dafür aber noch weniger Schauspiel. Das allerdings mit erstaunlicher Würde.

Am Ende jedoch interessieren einen diese schönen Menschen nicht. Ihre Zukunft, ihr Schicksal, alles egal. Den Teaser für des Dramas dritten Akt, den bekommt man ungefragt direkt hinterhergeliefert, auf dem halben Weg durch die Credits. Wer dennoch Sympathie für die beiden aufbringen kann, ist von der oberflächlichen Zauberei von „50 Shades Darker“ verführt worden oder hat während der Vorstellung zu oft am Champagner genippt. Letztendlich wird einem aber dann auch endlich klar: Verfilmungen von Austen und Brontë hätten sicherlich nicht so viel nackte Haut geliefert, dafür aber wesentlich mehr Charakter.

 

 

Kritikerspiegel Fifty Shades of Grey: Gefährliche Liebe



Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
3/10 ★★★☆☆☆☆☆☆☆ 


Julius Zunker
kinfofans.com, mehrfilm.de
3/10 ★★★☆☆☆☆☆☆☆ 


Durchschnitt
3/10 ★★★☆☆☆☆☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

 

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