KRITIK

Feuchtgebiete

„Hygiene wird bei mir kleingeschrieben … Da ich mich innerlich sehr gegen das „Rasieren“ wehre, mache ich das immer zu schnell und zu dolle …“ – Nachdem Autorin Charlotte Roche im Jahre 2008 nach der Veröffentlichung ihres Romans „Feuchgebiete“ einen regelrechten „Skandal“ in den Medien bzw. einen bundesweiten „Massenhype“ um ihre um Gleichberechtigung kämpfende 18-jährige „Heldin“ Helen auslöste, die sich tapfer gegen den Pflegewahnsinn des deutschen Spießbürgertums (besonders im Intimbereich!) wehrte, dauerte es 5 Jahre, bis Regisseur David Wnendt („Kriegerin“) eine Verfilmung auf die deutschen Kinoleinwände bringen durfte. Welche ebenfalls Dank geschickter Vermarktungsstrategien und sehr zur „Freude“ des zuständigen Constantin-Filmstudios im Kinojahr 2013 einen großen „Run“ auf die Kinokarten auslöste.

„Dieses Buch sollte weder gelesen noch verfilmt werden, das Leben hat doch mehr zu bieten als solche ekelhaften Perversitäten …“ – Die Frage bleibt dabei offen, ob Regisseur David Wnendts filmische Umsetzung dem emanzipatorischen Anspruch von Charlotte Roche gerecht wird. Roches und Wnendts Heldin „Helen“ entpuppt sich vor der Schlusspointe dann doch nur als spießbürgerliche graue „Tussi“, welche genau dieselben Probleme wie das männliche Geschlecht mit dem „Älterwerden“ durchmacht. Und genau dieselben Wünsche und Vorstellungen pflegt. Erzählerische Innovation zum Thema weibliche Emanzipation bleibt in „Feuchtgebiete“ also Mangelware. Die Geschlechter sollen sich gegenseitig besser behandeln und respektieren … Und wirklich lieben, nach dem alle zwischenmenschlichen Probleme beseitigt sind. Roches in der Vorlage einst vorherrschender Kampf und in der filmischen Umsetzung hin und wieder mittels des „dreckigen“ Sexuallebens geschilderter, amüsant wirkender Kampf gegen den alltäglichen gesellschaftlichen (Pflege)Wahnsinn bzw. dessen Konventionen muss am Ende dann einer glattgebügelten „Rosa-Munde-Pilcher-Dramaturgie“ weichen.

Und somit offenbaren sich alle rebellischen Anflüge der Protagonistin „Helen“ am Ende als pure, inszenatorische Behauptung. Unterfüttert wird dieser Sachverhalt durch die tragikomische Botschaft bzw. zynische Schlusspointe, dass das Recht auf weibliche Selbstbestimmung in der deutschen Gesellschaft im Grunde genommen alles andere als omnipräsent ist: wer versucht, einen eigenen Weg als moderne Frau einzuschlagen, holt sich wieder eine Analfissur.

So schmerzhaft das auch im Endeffekt sein mag, gegen derlei Umstände muss die moderne Frau von heute wohl ankämpfen. Und vergeblich versuchen, gegen das immer noch aktuell immer noch konventionell religiös-gesellschaftliche Wertbild durchzusetzen. Was zum Beispiel darin gipfelt, dass der hiesige Katholizismus beispielsweise während des Films knallhart sein Fett weg bekommt. Die Kirche und deren (z.T. sehr stark geachteten) Oberhäupter müssen in wenigen Dialogen und optischen Spielereien satirisch dran glauben. Es ist wirklich schade, dass eine zu Grunde liegende Thematik wie in „Feuchtgebiete“ eine dann doch relativ kleingeistige, küchenpsychologische, plumpe Behandlung durch Script und Regie erfährt.

Von einer intelligenten Emanzipation der „Heldin“ Helen bzw. dem persönlichen Willen, einen eigenen (intelligenten, persönlich und auch beispielsweise Karriere orientierendem erfolgreichen) Weg der modernen abseits der gesellschaftlichen Konventionen inkl. Ehe, Heim, Herd und Kinder einzuschlagen, vernimmt man David Wnendts abrupt endender und zu kurz geratener Adaption von Chalotte Roches Bestseller „Feuchtgebiete“ am Ende nicht.

Der Mode- und Schönheitskomplex der Frau beispielsweise findet keinerlei thematische Auseinandersetzung, damit dieser in einem besserem Licht erscheint.  Ebensowenig wird die postfeministische Popkultur unserer Medienlandschaft als gewollte Emanzipation / Abgrenzung gegenüber dem männlichem Geschlecht näher in den Fokus gerückt. Es gibt keine Blicke hinter die Kulissen der Medienlandschaft, die dem Publikum zeigen, warum es für Frauen immer noch schwer ist, sich in der Gesellschaft durchzusetzen. Warum werden wichtige Gebiete wie Politik und Wirtschaft nicht behandelt, in denen die moderne Frau eine zunehmend wichtigere Rolle spielt? Führungsebenen in bestimmten Berufen beispielsweise sind längst nicht mehr nur Männersache. Ebenso sind unsere gesellschaftlichen Schwierigkeiten der modernen Frau ein wichtiges Thema: je älter die Frauen werden, als desto brenzliger offenbar sich ihre Lebenssituation: Sie beziehen mittlerweile nur halb so viel Rente wie Männer und sind einer starken Altersarmut bedroht. Dieses Thema wird in „Feuchtgebiete“ geradezu sträflich ignoriert.

Dabei wäre gerade hier der post-feministische Aufschrei gegen diese modernen Ungerechtigkeiten im Film nötig gewesen. Charlotte Roches Figur Helen hingegen existiert in einem Makrokosmos, in dem derlei Angelegenheiten non-existent zu sein scheinen. Und die Titelfigur muss folglich nur ihre vorhandenen (Sexual)Neurosen aus der Welt schaffen. Niemand erwartet von einer Umsetzung eines Erfolgsromans wie „Feuchtgebiete“ eine reine, akademische, filmisch-steife Kopfgeburt. Aber zumindest einen unterhaltsam montierten Blick auf unsere Gesellschaft, der die wichtigsten Anliegen der modernen Frau ernst nimmt. Und ALLESAMT abdeckt. So dass am Ende keinerlei Fragen mehr offen bleiben.

Man wird in Wnendts Adaption von Charlotte Roches Erfolgs-Roman „Feuchtgebiete“ lediglich Zeuge eines Hilfeschreis einer nicht unsympathisch wirkenden Seele, welche sich dann doch nur nach Liebe und (gesellschaftlicher) Anerkennung sehnt. Und auf die eigenen Verletzungen der Vergangenheit in plumper Manier aufmerksam machen möchte. Ein bisschen rote Schminke, welche zur Periode-Blutschmiererei im Gesicht der Protagonistin verwendet wird, leistet ihr übriges dazu. Es ist den Machern zwar anzurechnen, dass zu diesem Zweck vor allem die Solidarität unter Frauen in „Feuchtgebiete“ lange Zeit in den Vordergrund gerückt wird, wenn Heldin „Helen“ und ihre beste Freundin sich gegenseitig trösten und blutige Tampons (Blutsschwesternschaft) tauschen dürfen.

Jedoch stößt es dabei besonders übel auf, dass zum Zwecke der Opferzeichnung übelst in die deutsche Klischeekiste der Filmlandschaft gegriffen / Schwarz-Weiß Malerei aufgefahren, ja übertrieben männliche Feindbilder installiert werden, welche jeglicher Beschreibung spotten. Männer haben den ganzen Tag nichts besseres zu tun, als sich mit den Exkrementen der Frau beim Geschlechtsvekehr besudeln zu lassen, um anderen vorzuführen, wie dumm/naiv und ausnutzbar diese doch im Grunde genommen sie doch ist. Auf eine recht perfide Art und Weise wird somit zur Empathie evoziert.

Man soll Charlotte Roche (und ihre Heldin Helen) für ihr Anliegen demnach in den Arm nehmen, sie trösten und kurieren / beschützen. Und ebenso mit ihr für ein bisschen freie Liebe und dazugehörigen Sex plädieren. Regisseur David Wnendt setzt diese keineswegs neue, bereits seit den 60er Jahren verhandelte, in Feuchtgebiete nun wieder propagierte Hippie-Kommunen / Revoluzzer-Thematik im Vergleich zu ähnlichen, deutschen Genre Vertretern zwar etwas sensibler, familiengerechter und dramaturgisch geschickter als üblich in deutschen Filmen gesehen in Szene. Es bleibt am Ende jedoch in einem der thematisch oberflächlichsten deutschen Filme der letzten Jahre, ein schaler Nachgeschmack, sprich viel Lärm um nichts, zurück.

Dem Publikum wird im Endeffekt während der kompletten Laufzeit von etwas zäh wirkenden 109 Minuten ein wichtiges Thema vorgegaukelt, welches zu keiner Zeit DIE erwartete, entsprechende Auseinandersetzung erfährt. Nämlich das dem männlichen Geschlecht (als auch der Gesellschaft) wie beabsichtigt und zu Beginn angekündigt der entsprechende Spiegel vorgehalten wird. Wenn beispielsweise 4 Pizzabäcker auf eine Pizza onanieren und Helens auserwähltem Robin (Christoph Letkowski) beim Gedanken, durch das Pizza-Essen selbst Sperma konsumiert zu haben, das Lachen im Halse stecken bleibt, da er nun merkt, wie das weibliche Geschlecht Dank täglicher, männlich-sexuelle Routine erniedrigend behandelt wird, beschäftigen sich Regisseur David Wnendt und Drehbuchautor Claus Falkenberg weniger mit dem Versuch eine neue weibliche Emanzipation mal abseits aller sexueller Konnotationen zu installieren, sondern ergehen sich lediglich in oberflächlichen, visuellen Montagen / nicht wirklich gewagten und halbgaren Kopf-Kino Spielchen, so dass Helen die Männer in ihren Gedanken genau so behandeln darf, wie es mit ihr normalerweise geschieht.

Es wird im Grunde genommen somit nur der Gedanke aus Helens Perspektive ersichtlich, welcher dem männlichen Geschlecht schon seit je her immanent ist: man besitzt gegenüber dem anderen Geschlecht einen längeren Hebel… Die Frau von heute darf genau auf dieselbe Weise Alkohol konsumieren und die Luft ihres Körpers dabei auf jede erdenkliche Weise gegenüber ihrem potentiellem Partner ablassen. Sie muss sich jetzt für nichts mehr schämen. Eine originelle Geschichte/ Erzählweise sieht leider komplett anders aus. Denn das burschikose Verhalten der Frau von heute als Zeichen des modernen, feministischen Aufbegehrens existierte schon lange vor dem Jahre 2008, bevor es Autorin Charlotte Roche und Regisseur David Wnendt für ihre Heldin „Helen“ jetzt für sich entdecken und filmisch umsetzten durften. Revolutionär auf vorgetragenem Gebiet ist an „Feuchtgebiete“ also im Grunde genommen rein gar nichts.

Aber wir sind mit dem Film herzlich dazu eingeladen, um an der neuen, sexuellen Revolution der Frau in „Feuchtgebiete“ teilhaben zu dürfen. Aber Zeuge einer neuen sexuelle Ausrichtung / Gesinnung von Helen Memel wird man bei genauerem hinschauen zu keiner Sekunde. Denn das Spiel mit eigenen Körpersäften, Exkrementen etc. darf lediglich im Rahmen dazu benutzt werden, um die deutschen Spießergesellschaft im Rahmen ein wenig zu ärgern / an deren Gesinnung / vermeintlich vorherrschender Gleichschaltung zu kratzen. Es wird zu keiner Zeit ersichtlich, dass Helen Memels sexuelle Spielchen mit den eigenen Körperflüssigkeiten tatsächlich als so etwas wie eine eigene Abgrenzung und Neuausrichtung gegenüber dem herkömmlichen Geschlechtsverkehr  der deutschen Gesellschaft gelten könnten. Sprich eine ganz neue Art sind, die persönliche, körperliche Lust zu betonen. Welche unsere persönliche Auffassung vom konventionell-biederen 3-fachen Stellungswechsel beim Sex also mal wirklich in Frage stellen könnte.

Was wohl wirklich für einen wirklichen Aufschrei / Skandal beim Kinopublikum gesorgt hätte. Aber diesen Weg wollten Script und Regie nicht einschlagen. Man wird lediglich dazu auffordert, liberaler/toleranter miteinander in der Gesellschaft umzugehen, damit niemand mehr solche Gedanken wie Helen beim Pizza konsumieren pflegen muss. Script und Regie vermeiden es geschickt, beide Geschlechter und das Mainstream Publikum „wirklich“ mit den eigenen Stärken und Schwächen / den gesellschaftlichen Werten und Normen und der damit verbundenen, zu Grunde liegenden Thematik zu konfrontieren, welche per geistreichen Dialogen und Screwball-Leichtigkeit bzw. unterhaltsamen Schlagabtauschen beispielsweise erörtert bzw. ausdifferenziert wird.

Dieser inszenatorische Fehler wird ebenso wiederholt, wenn „Helen“ beispielsweise von einem „Aufriss“ mit Leuchte auf dem Kopf(!) gewaschen, rasiert, also zwecks Hygiene „desinfiziert“ wird … Und schließlich zurückgewiesen wird. Das Publikum vernimmt somit einen kleinen, visuell-verspielten, satirischen Seitenhieb auf die (Hygiene) Meriten der deutschen Gesellschaft, welcher alsbald keine thematische (Weiter)Behandlung mehr erfährt. Als Subplot also komplett versandet. „Feuchtgebiete“ endet des öfteren im inszenatorischen Vakuum.

Ebenso wenig vermögen die vermeintlichen, sexuellen Tabus (beispielsweise der männliche Kopf zwischen Helens Schenkeln) von Regisseur David Wnendts filmischer Umsetzung von Feuchtgebiete zu schockieren. Und laut Aussage von Charlotte Roche im „Making Of“ von Feuchtgebiete Link: http://blockbusterandmore.blog.de/2013/08/30/kino-tvnews-feuchtgebiete-4-making-of-clip-16345904/ selbst entsprechend zu stimulieren.

Wenn es wirklich darum geht, Tabus zu brechen, besitzen die Macher bis auf 1-2 filmische Ausnahmen (wobei beispielsweise im Film auftauchende Exkremente bei genauerem Hinschauen leicht als Pappmaché zu identifizieren sind), zu keiner Zeit wirklich den Mut, wie angekündigt visuelle Taten folgen zu lassen. Denn Regisseur David Wnendt blendet entgegen so mancher im Feuilleton getätigter Aussage dann noch in den entscheidenden, kritischsten Momenten weg. Und stiehlt sich somit vor dem eigenen Anspruch der Inszenierung, welcher ausgegeben wurde, dem Publikum etwas wirklich richtiges Gewagtes zu bieten. „Fechtgebiete“ dümpelt, nach Beginn auf den Betrachter einstürzenden, amüsanten Zwischensequenzen, in 109 Minuten Laufzeit thematisch recht spannungsarm in der Tradition eines mäßig verwertbaren, naiven und nettgemeinten 70/80er Jahre Dyke-Softcore-Sex-Streifens egal welches Herkunftslandes, und dazugehöriger, mittlerweile bereits überholter, gesellschaftlich-spießbürgerlicher Etikette/Moral, vor sich hin.

Und führt somit im Gegensatz zu der sexuellen „Entgleisungen“ von Charlotte Roches Roman“, keineswegs zu den erwarteten, hochroten Köpfen der Rezipienten. „Feuchtgebiete“ wird dem modernem Mainstream Publikum als filmische Umsetzung zahm serviert, damit dieses ja nicht politisch / in seinen konservativen Wertansichten (mittels sexuellen Verweisspielchen) zwar etwas durchgerüttelt, dann aber dann doch nicht komplett verstimmt werden darf. „Feuchtgebiete“ erweist sich am Ende somit trotz aller (schnitt)technisch-visuellen, überzeugenden Spielerei leider nur als knallharte kalkulierte Finanzmasche ohne „richtigen“ Mut und Biss, als etwas leicht besser als üblich inszenierter Vorabend-Dramödien-Film des öffentlich rechtlichen Programms. Und die Muster des Genres zu keiner Zeit zu durchbrechen vermag. Und nach dessen Anschauen, trotz guter Darstellerleistungen und aller hipper, vorherrschender Werbeclip-Attittüde, wenig wichtig Verwertbares hängen bleibt. „Feuchtgebiete“ reiht sich somit ohne Mühe in die Reihe der Enttäuschungen des Kinojahres 2013 ein.

 



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Sie experimentiert beim Masturbieren gern mit Gemüse. Körperhygiene ist ihrer Ansicht nach weit überschätzt. Sie provoziert ihre Umwelt, indem sie ganz unmädchenhaft ausspricht, was andere nicht einmal zu denken wagen: Das ist Helen Memel! Helen (CARLA JURI) ist eine Herausforderung für ihre geschiedenen Eltern (MERET BECKER und AXEL MILBERG) – und wünscht sich doch nichts sehnlicher, als eine wiedervereinte Familie. Geborgenheit findet sie nur bei ihrer Freundin und Blutsschwester Corinna (MARLEN KRUSE), mit der sie kein gesellschaftliches Tabu auslässt. Als Helen sich eines Tages bei einer missglückten Intimrasur verletzt, muss sie ins Krankenhaus. Dort ist sie nicht nur für Chefarzt Prof. Notz (EDGAR SELGE) ein ungewöhnlicher Fall. Ihr ungestümer Witz und ihre Wahrhaftigkeit machen sie zu einer Sensation im ganzen Krankenhaus. Helen wittert die Chance, ihre Eltern am Krankenbett wieder zu vereinen und findet in ihrem Pfleger Robin (CHRISTOPH LETKOWSKI) einen Verbündeten, dem sie dabei gehörig den Kopf verdreht...
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