KRITIK

Factotum

Factotum

Henry „Hank“ Chinaski hat ein gewisses Problem mit Türen. Entweder ist er zu betrunken, um hindurchzukommen, oder aber er hört sie krachend hinter sich zuschlagen, wenn er gerade mal wieder einen lausigen Job verloren, einer flüchtigen Liebschaft den Rücken gekehrt oder seine alten Eltern besucht hat. Chinaski ist ein Loser und ein Säufer, ein erfolgloser Schriftsteller, der zu Papier bringt, was ihm in trüben Kaschemmen durch den Sinn schießt und was er durch den Zigarettendunst noch erkennen kann. Es sind die Weisheiten eines einsamen Wolfes mit Whiskyatem, hier aus dem Off mit der aufrechten Grandezza des Gescheiterten geraunt. Nein, Chinaski hadert nicht mit seinem Schicksal. Frauen sind sowieso nur Episoden im Leben eines Mannes, Jobs nicht mehr als lästige Pausen zwischen den Besäufnissen. Sein Alltag bringt ganz eigene Herausforderungen mit sich: Woher das Geld für den nächsten Drink nehmen, auf welcher Parkbank schlafen? Auf welches Pferd wetten, wie die Filzläuse loswerden?

„Factotum“ basiert hauptsächlich auf dem gleichnamigen Roman von Charles Bukowski, außerdem auf einer Handvoll seiner Kurzgeschichten. Ist aber im Grunde egal, sie handeln ja sowieso alle vom Trinken. Bukowski, Großmeister des schnapsbefeuerten Machismo, spielt zwar nicht in einer literarischen Liga mit Hemingway, ist aber durchaus dem Gonzo-Deliranten Hunter S. Thompson oder dem Drogen-Dichter William S. Burroughs ebenbürtig, was aufs Papier gerotzte Selbstzerstörungs-Berichte betrifft. Man liebt ihn für die Konsequenz, mit der er sich um den Verstand säuft, und für die Tatsache, dass er überhaupt eine Taste auf der Schreibmaschine trifft.

Regisseur Bent Hamer („Kitchen Stories“) bebildert die entsprechend ereignisarme Geschichte eines Mannes zwischen zwei Drinks. Wenn man noch sehr jung oder alkoholabhängiger Fernfahrer ist, mag das faszinieren, alle anderen müssen sich an Matt Dillons Leistung als Chinaski hochhalten. Anders als Mickey Rourke, der Bukowskis alter ego in „Barfly“ gab, steht Dillon die Rauscherprobtheit nicht ins Gesicht geschrieben. Aber er bringt einen gewissen Humor zum Klingen, wenn er bei seiner Säuferliebschaft Jan (Lili Taylor) außer der Reihe zum Staubsauger greift und sich fragt, ob er nun wohl schwul wird. Für so einen gibt es zwar kein Happyend, aber den ersten Erfolg mit einer abgedruckten Kurzgeschichte: „Meine Bierseele ist trauriger als alle toten Weihnachtsbäume der Welt.“



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INHALT

Für Underdog und Bohemien Henry Chinaski hat seine „poetische Lebenshaltung“ die oberste Priorität: Maßloser Alkoholkonsum, Zigaretten und Frauen sind die Grundkonstanten seines ansonsten eher deprimierenden Alltags abseits der gesellschaftlichen Norm und im bewussten Gegenentwurf zum amerikanischen Traum. Wenn er nicht gerade seine delirierenden Eskapaden in Kurzgeschichten verewigt, die niemand veröffentlichen will, geht er lustlos wechselnden Jobs nach. Mal verdingt er sich als angelernter Arbeiter in einer Gurkenfabrik, mal lässt er als Eisauslieferer die Fracht vorzeitig schmelzen.
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Eure Kritiken zu Factotum

  1. Manni

    Guter Film mit einem überraschend guten Matt Dillon als Alter Ego von Bukowski

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