KRITIK

Extrem laut und unglaublich nah

Plakat zum Film Extrem laut und unglaublich nahJonathan Safran Foers zweiter Roman „Extremely Loud and Incredibly Close“ erschien 2005 und gilt als eines der international erfolgreichsten belletristischen Werke zum Thema 11. September – obwohl oder gerade weil es aus der Sicht eines leicht autistischen, Tamburin spielenden Neunjährigen namens Oskar geschrieben war (die Parallelen zu Grass’ renitentem Blechtrommler Matzerath sind nicht zufällig).

Oskars liebevoller Vater (im Film: Tom Hanks) stirbt bei den Anschlägen auf das World Trade Center, woraufhin der aufgeweckte Junge seine Trauer in Aktionismus übersetzt: In Vaters Schrank findet Oskar einen mysteriösen Schlüssel, in einem Umschlag, auf dem das Wort „Black“ zu lesen ist. Hat ihm der Vater, der ihm regelmäßig Tüftelaufgaben auferlegte, eine Mission hinterlassen? Der Junge ist überzeugt und durchstreift ganz New York, um alle dort lebenden Menschen namens „Black“ zu besuchen: Weiß einer von ihnen, wo das passende Schloss ist?

Szene aus dem Film Extrem laut und unglaublich nahIn der Verfilmung durch Stephen Daldry („Der Vorleser“) wird Oskars Odyssee immer wieder gegen den letzten Lebenstag des Vaters geschnitten, und beide Erzählstränge steuern – von Kitschstreichern aufdringlich begleitet – auf emotionale Höhepunkte zu. Dabei bleiben allerdings viele Figuren auf der Strecke. Die diversen Blacks bleiben bloße Trauma-Anekdoten-Lieferanten, Sandra Bullock muss als Mutter die Besorgte geben, und selbst die wichtige Figur des Großvaters (oscarnominiert: Max von Sydow), der bei der Bombardierung Dresdens stumm wurde (was dem Traumatisierungs-Thema eine zweite Ebene einziehen soll), wird vom Drehbuch zu schnell wieder vernachlässigt. Schade.

Gegen Ende des Films wird es bei Daldry dann doch allzu sentimental. Während alles gut wird, sägen die Streicher noch hemmungsloser von der Tonspur. Der einzige, der den Film immer wieder erdet, ist Thomas Horn als Oskar. Der Debütant wurde von Daldry per Zufall in einer Quizshow entdeckt und spielt das mal nervig-geschwätzige, mal in seiner Trauer tief anrührende Kind mit Bravour. Von ihm wird noch viel zu hören sein, vom Film hingegen: mal abwarten. Der Academy hat der Film gut gefallen, er ist für Oscars in sechs Kategorien nominiert.

  

Kritikerspiegel Extrem laut und unglaublich nah



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Carsten Happe
Der Schnitt
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Klaus-Peter Heß
Münstersche Zeitung
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Lida Bach
u.a. film-zeit.de, kino-zeit.de, titel-magazin
1/10 ★☆☆☆☆☆☆☆☆☆ 


Durchschnitt
5.5/10 ★★★★★½☆☆☆☆ 




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