KRITIK

Ex Machina

Bild (c) 2015 Universal Pictures Germany.

Bild (c) 2015 Universal Pictures Germany.

Androiden, also Roboter mit menschlichen Eigenschaften, haben in der Filmhistorie eine lange Tradition. Egal ob weiblich oder männlich, riesengroß, sehr klein, hilfsbereit oder tödlich, sie entspringen stets den kreativen Köpfen einiger unerschrockener Wissenschaftler mit Allmacht-Phantasien. Wie weit in diesem Zusammenhang zudem das Thema Künstliche Intelligenz gediehn ist, beweist „Ex Machina“, die erste Regiearbeit des ehemaligen Schriftstellers und Danny Boyle-Haus-und-Hof-Drehbuchautoren Alex Garland.

Garland, der sich gerne und oft über den Blick in die Zukunft mit den technischen, philosophischen und moralischen Herausforderungen der Gegenwart auseinandersetzt („28 Days Later“, „Sunshine„), fügt den zahlreichen Adroiden der Filmgeschichte von Maria aus Fritz Langs „Metropolis“ (1927) über Ridley Scotts Rachael („Blade Runner„, 1982) bis hin zum weiblichen T-X aus „Terminator 3: Rebellion der Maschinen“ (2003), verkörpert vom norwegischen Model Kristanna Loken, den wohl sympathischsten weiblichen Androiden hinzu: Ava, herausragend gespielt von Alicia Vikander („Die Königin und der Leibarzt„). Ava hat ein elfenhaftes Gesicht mit großen Augen, menschliche Gliedmaßen mit Haut und Haaren aber einen nahezu transparenten Hals und Korpus. Keine Frage, dieser Android ist eine künstliche Männerphantasie, beängstigend und verführerisch zugleich.

Hinter dieser beeindruckenden, posthumanen Kreation steckt Nathan (Oscar `Llewyn Davis` Isaac), ein abgeschieden lebender Internet-Milliardär, der sein Geld mit einer Internet-Suchmaschine namens „Blue Box“ verdient. Unter dem Vorwand, den ersten Preis bei einem firmeninternen Gewinnspiel ergattert zu haben, läst Nathan einen jungen Programmierer einfliegen. Caleb (beeindruckend: Domhnall Gleseson, „Alles eine Frage der Zeit“, „Unbroken„) darf eine Woche mit seinem sagenunwobenen Firmenchef in dessen futuristischem Haus wohnen. Eine Gelegenheit, die sich der junge Einzelgänger Caleb nicht entgehen lässt.

Szene_Ex_MachinaNach einer langen Anreise in einem Helikopter ist das Eis zwischen Chef und seinem faszinierten Angestellten rasch gebrochen, „lassen wir den ganzen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Quatsch, Caleb, ok?„. Nathan kommt schnell zur Sache: „Hast Du schon mal etwas von dem Turing-Test gehört, Caleb?„. Dem jungen Programmierer wird klar, dass sein Chef an Künstlicher Intelligenz arbeitet. Nur an was oder an wem? Mit der Vorstellung von Ava entwickelt sich das futuristische Psychoduell zu einem kammerspielartigen Psychothriller. Nathan fordert seinen Angestellten auf, Ava zu erforschen, sie kennenzulernen und letztendlich den Turing-Test an ihr durchzuführen, sprich, das Maß an Küntlicher Intelligenz bei Ava festzustellen.

Das Grundgerüst der Geschichte erinnert stark an den inzwischen mehrfach verfilmten H.G. Wells Roman „Die Insel des Dr. Moreau“ (1896). Ein arroganter Kontrollfreak forscht auf einer abseits im Atlantik gelegenen Insel an so genannten „Übermenschen“, indem er menschliche mit tierischer DNA kreuzt. Nathan ist bei Alex Garland ein moderner Dr. Moreau, im Beinahe-Hier-und-Jetzt, ein Einsiedlier mit Taliban-Bart, Brille und sportlich durchtrainiertem Körper, ein moderner Hippie mit ganz besonderen Vorstellungen und Vorlieben.

Die Gespräche zwischen Ava und Caleb sowie das Verhalten des jungen Milchbubis Caleb auf dem futuristischen Anwesen werden von Nathan auf zahlreichen Monitoren überwacht. Zusammen mit der zurückhaltenden Filmmusik von Ben Salisbury entsteht so eine faszinierende Dauer-Suspence, die lediglich von zaghaften Blicken auf die Räumlichkeiten, in denen sich die stets neugierig-attraktive Ava im Ballerina-Body mit blau leuchtenden Innereien die Zeit vertreibt, unterbrochen werden.

05MACHINA2-blog427Aber nichts ist wirklich perfekt. Mit den ersten Stromausfällen im Haus, die den zahlreichen Gesprächen zwischen Ava und Caleb eine neue, unbeobachtete Intimität verleihen, verschiebt sich der Fokus der Erzählung. Nicht die Fragen rund um Künstliche Intelligenz, oder das Psychoduell zwischen Chef und „inhaftiertem wie fasziniertem“ Angestellten, sondern die zunehmend flirtfreudigere Ava reist nun das Geschehen an sich. Der Erzählfluss gerät ins Stocken. Die Dramaturgie gerät ins Wanken. Durch ihre begründete Angst, abgeschaltet zu werden, spinnt Ava einen Ausbruchsplan, in dem sie den bereits schwer verliebten Caleb zum willfähigen Gehilfen macht.

Wieder einmal zeigt sich hier, dass gute Autoren zwar ein hervorragendes Gespür für Trendsetter-Themen und Entwicklungen im Kino (weibliche Heldin) haben, aber noch lange keine guten Regisseure sein müssen. Was hätte nur ein Stanley Kubrick (dessen Einfälle auch bei Garland mehrere bleibende Eindrücke hinterlassen haben müssen), ein David Fincher oder ein Spike Jonze mit dieser Geschichte gemacht? Jonzes Soziovision „Her“ zum fast gleichen Thema, ginge in diesem Vergleich als klarer Sieger hervor. Für Alex Garland ist die Arbeit auf dem Regiestuhl zu Beginn nur eine Aneinanderreihung einiger Referenzen an zahlreiche Regie-Größen und damit (noch) eine Nummer zu groß.

 

 



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