KRITIK

Esmas Geheimnis

Esmas Geheimnis Diese Ko-Produktion deutscher, österreichischer, kroatischer und bosnischer Finanziers gewann auf der diesjährigen Berlinale verdient den Goldenen Bären: „Grbavica“ ist nicht nur ein politischer Film von ungeheurer Wucht, sondern auch ein mitreißendes und äußerst bewegendes Drama. Hintergrund ist die jüngste Balkan-Geschichte: der Bosnienkrieg in der ersten Hälfte der 1990er Jahre.

Damals hatten die serbisch-montenegrinischen Milizen Grbavica, einen Vorort der bosnischen Hauptstadt Sarajevo, in eine Art Folter-Camp umgewandelt. Massenweise Zivilisten wurden dort getötet, missbraucht, viele Frauen von Soldaten, den von den Opfern so genannten „Tschetniks“, vergewaltigt. Auch Esma (hervorragend gespielt von Mirjana Karanovic aus dem Kusturica-Film „Das Leben ist ein Wunder“) ist dieses grausame Schicksal widerfahren, damals. Seither hat sie keine Liebe mehr empfinden können, von Männern erwartet sie Hass und Schrecken. Die aus der Vergewaltigung hervorgegangene Tochter Sara (tolles Debüt von Luna Mijovic) ist mittlerweile zwölf: Esma hat das vom Feind gezeugte Kind trotz aller schlimmen Gefühle liebevoll aufgezogen, ihm die Wahrheit über seine Herkunft allerdings immer verschwiegen. Sara wähnt sich im Glauben, die Tochter eines gefallenen bosnischen Kriegshelden zu sein.

Die Lage spitzt sich zu, als ein Schulausflug angekündigt wird, dessen Finanzierung die allein erziehende Mutter vor Probleme stellt und die Mutter-Tochter-Beziehung in Konflikte stürzt: Die Schule gewährt Töchtern von gefallenen Soldaten einen beträchtlichen Preisnachlass, weswegen Sara nicht verstehen kann, warum die Mutter nicht einfach einen entsprechenden Beleg vorweist. Esma hingegen geht sogar in einem dubiosen, um nicht zu sagen: mafiösen Nachtclub kellnern, um das nötige Geld für den „regulären“ Ausflugspreis zusammenzusparen. Das Versteckspiel geht noch eine Weile lang gut, bis die unvermeidliche Klärung des Sachverhalts als reiningendes Gewitter über die Leinwand fegt: Esma brüllt ihrer Tochter die Wahrheit ins Gesicht. Eine der ganz großen, aufwühlenden Szenen des Kinojahres, markerschütternd, gleichzeitig aber der einzig mögliche Fluchtweg in eine bessere Zukunft.
Nebenher zeigt Regisseurin Jasmila Zbanic in klaren, hervorragend präzise geschriebenen kleinen Szenen, wie sich die Beziehungen von Mutter und Tochter im winterlichen Sarajevo entwickeln. Esma, die zarte Bande zu einem freundlichen Bodyguard (Leon Luccev) knüpft, Sara, die sich mit einem Schul-Rowdy anfreundet, der, ebenso wie sie (vermeintlich), Kind eines Gefallenen ist und damit mehr Probleme hat als er zugibt. Alles in allem ist „Grbavica“ der erste ernst zu nehmende, keineswegs dröge oder thesenhafte, sondern emotional bewegende und künstlerisch gleichermaßen überzeugende Film zu einem wichtigen, allzu oft an den Rand gedrängten, europäischen Thema: dem Balkankrieg.

Wie brisant er in den Staaten des ehemaligen Jugoslawien aufgenommen wird, zeigen wütende Proteste im (serbischen) Belgrad bei der Erstaufführung und die Weigerung eines Kinobesitzers im (bosnischen) Banja Luka, den Film überhaupt zu zeigen – aus Angst vor Anschlägen. Die Aufarbeitung des Grässlichen steht erst am Anfang, „Grbavica“ ist ein immens wichtiger Beitrag dazu.



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INHALT

Die alleinstehende Esma zieht ihre zwölfjährige Tochter Sara im Sarajevo nach dem Krieg auf. Sara, die davon träumt, auf einen Schulausflug gehen zu können, freundet sich mit Samir an, dessen Vater - wie der von Sara - als Kriegsheld gestorben ist. Auf den Vater angesprochen, reagiert Esma allerdings stets ausweichend. Als die Schule anbietet, dass die Kinder von Kriegshelden umsonst auf den Ausflug gehen können, muss Esma nach weiterem Hin und Her Farbe bekennen und ihre Tochter mit der grausamen Wahrheit konfrontieren.
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