KRITIK

Er ist wieder da

Bild (c) 2015 Constantin Filmverleih.

Bild (c) 2015 Constantin Filmverleih.

Es bedarf nicht vieler Merkmale: Schnurrbart dran, Haare seitenscheiteln, fertig ist der Hitler. Das funktioniert immer und verkauft sich bestens. Man sagt, Timur Vermes` Roman „Er ist wieder da“ sei nur deshalb zum Millionenseller geworden, weil Schnauz und Scheitel sein Cover zierten. Der vielbeklagte Zwiespalt des Romans ist auch in David Wnendts Verfilmung noch da: Sie will sich über den unausrottbaren Hitler-Fetisch des deutschen Volkes lustig machen und bedient ihn zugleich. Dabei bespöttelt sie die Banalität des Bösen und segelt doch hart an der Verharmlosung.

Eigentlich hat Wnendt (der aus Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ einen erfreulich frischen Kinofilm destillierte) dabei zwei Filme in einem gedreht. Der erste ist eine lauwarme Mediensatire. Sie beschreibt den Aufstieg des in Berlin wiederauferstandenen GröFaZ (Burgschauspieler Oliver Masucci) zum Star, der die Gunst des Publikums erst verliert, als ihm bei „Hart aber fair“, der Talkshow von und mit Frank Plaßberg, die Erschießung eines Hundes nachgewiesen wird. Große Entrüstung! Katja Riemann spielt die riefenstählerne Redakteurin eines Privatsenders, die den vermeintlichen Comedian groß rausbringen möchte, Christoph Maria Herbst amüsiert mit Bruno-Ganz-als-Hitler-Parodien. Vor allem aber soll man über den Kulturschock lachen, den Hitler erleidet – angesichts der „Hürriyet“ am Zeitungskiosk und anderer ungermanischer Zustände. Hihi, der Hitler! Lustig. Eine bedenkliche Verniedlichungsstrategie.

Szene_Er_ist_wieder_daInteressanter ist die zweite Ebene des Films, die sich abseits der Romanhandlung semi-dokumentarisch unters Volk mischt. Hitler reist mit einem erfolglosen Reporter (Fabian Busch) quer durch Deutschland, was als Mischung aus „Borat„, „Muxmäuschenstill“ und „Extra3“ daherkommt und angesichts begeistert um Selfies bittender Passanten und fraternisierender Stammtisch-Nationalisten beunruhigende Relevanz gewinnt – in Zeiten, in denen sich nicht nur auf Facebook immer häufiger unter Klarnamen der „Führer“ zurückgesehnt wird.

Am Ende bekommt man noch Bilder krakeelender Pegida-Jünger und angezündeter Flüchtlingsheime zu sehen. Hitlers Kommentar dazu: „Damit kann man arbeiten.“ Es ist erfrischend, dass sich das sonst so brave deutsche Kino traut, hier mal gezielt polemisch zu werden. Aus einer nur halb gelungenen Komödie wird so ein Film zur Zeit. Mutig.

 

 

Kritikerspiegel Er ist wieder da



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
5/10 ★★★★★☆☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Antje Wessels
wessels-filmkritik.com
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Julius Zunker
kinofans.com
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Durchschnitt
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du bei uns im Kritikerspiegel Oktober.

 



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INHALT

Er ist wieder da, der Führer. Knapp 70 Jahre nach seinem unrühmlichen Abgang erwacht Adolf Hitler im Berlin der Gegenwart. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva. Im tiefsten Frieden, unter Angela Merkel und vielen tausend Ausländern startet er, was man am wenigsten von ihm erwartet hätte: eine Karriere im Fernsehen. Denn das Volk, dem er bei einer Reise durch das neue Deutschland begegnet, hält ihn für einen politisch nicht ganz korrekten Comedian und macht ihn zum gefeierten TV-Star. Und das, obwohl sich Adolf Hitler seit 1945 äußerlich und innerlich keinen Deut verändert hat. (Text: Constantin Filmverleih)
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