KRITIK

Empire Me – Der Staat bin ich

Plakat zum Film Empire MeWer würde nicht gerne einfach mal raus? Ausbrechen. Raus aus dem Trott, aus der globalisierten Weltordnung. Schule, Uni/Ausbildung, Job, Steuern, Krankenversicherung. Oft unter Druck, immer im “System”, meistens auf der Jagd nach dem nächsten Statussymbol? Es ist ein Kreislauf. Nicht nur in der so genannten “Ersten Welt”. Muss ich das haben? Ich könnte doch auch ausbrechen aus diesem System? Alles hinter mich lassen. Autark leben. Vielleicht eine neue Identität annehmen? Lassen die immer engmaschigeren Lebensprinzipien der globalisierten Weltordnung dies überhaupt zu? Ein Phänomen macht damit Schluss: Das Gründen von Gegengesellschaften. Unter dem Motto ´Mach dich nicht abhängig´ lädt der Autor, Regisseur, Ex-Schlingensief-Freund und das kreative Universalgenie Paul Poet auf eine Suche nach Unabhängigkeit ein. Exemplarisch stellt er sechs Gegenwelten des 21. Jahrhunderts vor, deren Gründer mit ihren unkonventionellen Lebensstilen ein Zeichen setzen wollen. Dies ist sein Bericht.

Alles beginnt und endet in diesem unterhaltsamen Road-Movie mit einem Schiff. Das erste ist die “Sealand”, die es bereits seit vielen Jahren gibt. Sie diente schon etlichen Computer-Nerds als (Server-)Heimat, Arbeits- und Wohlfühlort, auch für illegale Downloadportale. Wenn Paul Poet, selbst Veteran alternativer Netzwerke und sozialer Experimente, mit seiner Kamera durch die schmalen Auf- und Abstiege der Sealand in die leeren Frachträume steigt, weckt er damit Erinnerungen an Richard Curtis´ “Radio Rock Revolution”. Szene aus dem Film Empire MeDoch ausgiebigen “Sex, Drugs and RocknRoll” gibt es bei dieser Besatzung schon lange nicht mehr. Ihr Traum von der Unabhängigkeit ist zwar noch nicht ausgeträumt, aber ohne Abhängigkeiten fließt auch auf dieser, vermeintlich freiesten aller Gesellschaftsformen kein Treibstoff durch den Tank. In weiteren Interviews und Filmausschnitten kommen noch mehr `Aussteiger` zu Wort, “Bewohnern” von Hutt River in Australien beispielsweise, von Damanhur in Italien, ZeGG in der Nähe von Berlin oder auf den Schwimmenden Städten von Serenissima.

Alle scheinen auf ihrer Reise in die Freiheit ihre passende, scheinbar neue Gesellschaftsform gefunden zu haben. Schade ist, dass Paul Poet dazu keine Fragen stellt. Somit stehen bei ihm nicht die Anliegen und Modelle der teilnehmenden Personen, sondern viel mehr die Kuriositäten der Individualisten im Vordergrund. Die vorgestellten Gesellschaftsformen, Bewohner, Befürworter sowie selbsternannten Königinnen und Könige hinterlassen dadurch einen eher schalen Geschmack der Sinnentleertheit. Fragen nach der Energiegewinnung, nach der Finanzierung oder der Lebensmittelbeschaffung bleiben offen. Darüber hilft dann auch der kommentierende Offtext des Regisseurs nicht weiter.

Ein journalistischer Ansatz ist in diesem Road-Movie weit und breit nicht zu erkennen. Dabei hätte diese kurzweilige Reise in einer Zeit, in der große Staatengemeinschaften wie die EU globale Krisen nicht lösen können und das Vertrauen ihrer Bevölkerung verloren haben, zahlreich Vorschläge für ein anderes Leben machen können. Doch die dargestellten Formen können, so marginal wie hier skizziert, letztendlich nicht überzeugen. Schade.

  



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Eure Kritiken zu Empire Me – Der Staat bin ich

  1. B XVI. PREACHER

    alles was man wssen sollte, unter der Domain http://www.state-union.us der Experte für staatsfreie Territorien zu finden ist, und Territorien in Staatsgebiet umwandelt… lesen sie es.

  2. Stephan

    Fantastisch, entlich traut sich jemand Möglichkeitenauf zu zeigen, zu veröffentlichen….immer mehr gelebte Lösungen finden sich…

    Welche Alternative für Europa sollen es denn sonst sein, wenn wir sie nicht gemeinsam schaffen… nach dem ESM-Vertrag. Du weist nicht was das ist ? Onkel “Google” weis alles.
    Hör auf zu kämpfen! Denk nach! Erschaffe neues außerhalb des alten Systems!
    Wir gründen Deutschland neu und Du machst mit :-)))

    In Freude und Erleichterung
    Euer Stephan

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