KRITIK

Elysium

„I promise you, one day I’ll take you to Elysium.“ – Die zunehmend menschliche und technische Verrohung der Erde, nicht erst durch das kontinuierliche Auseinanderdriften zwischen armer und reicher Gesellschaftsschicht, ist auch seit Ridley Scotts Meisterwerk aus dem Jahre 1982, „Blade Runner“, eines der beliebtesten Themen der modernen Science-Fiction. Viele Newcomer unter den nicht-amerikanischen Drehbuchautoren bzw. -Regisseuren beflügelt dieser Plot immer wieder zu eigenen Visionen. Der südafrikanische Regisseur Neill Blomkamp beispielsweise versuchte sich im Jahre 2009 mit seiner Gesellschaftsparabel „District 9“ daran, dem Sub-Genre wieder frischen Wind einzuhauchen. Und lieferte einen soliden und in vielen Phasen sehenswerten, mit interessanten Ideen gespickten Actioner ab. Aufnahmen im Doku-Stil, zunehmend beindruckende Action aber manchmal auch oberflächliche Weisheiten wichen einer tiefgründigen, echten Auseinandersetzung, warum auf unserer Erde ein immer größer werdendes, soziales Ungleichgewicht herrscht.

Mit diesen kleinen inszenatorischen Schwächen geht nun auch Neill Blomkamps 2013er Actioner „Elysium“ mit Matt Damon in der Hauptrolle an den Start, der als stereotype und steril wirkende Mischung aus 70er-80er Jahre Actionklassikern wie John Carpenters „Die Klapperschlange“ (die Zeit des Helden läuft ab, um das eigene Leben retten zu können) und Mel Gibsons erstem „Mad-Max“ Thriller zwar gekonnt die Tropen des Genres abklappert, aber letztendlich dennoch keine thematisch neuen Reizpunkte setzen kann.

In der Zukunft des Jahres 2154 ist die Menschheit mittlerweile zu einer einzigen Schutthalde verkommen. Die wenigen gesunden Menschen haben sich auf der Raumstation „Elysium“ ein neues Zuhause geschaffen, von wo auch der Rest der Menschheit kontrolliert wird. Aber wie kam es eigentlich dazu? Wie wurde die Station erbaut? Warum liegt alles nur noch in Schutt und Asche?

Was ist politisch, wirtschaftlich bzw. sozial geschehen? Wie genau haben wir uns abgewirtschaftet? Wie funktioniert eine Raumstation wie „Elysium“ überhaupt in ihrer Gesamtheit? Woher bekommt sie ihre noch verbleibenden Ressourcen, welche andere wiederum benötigen? Und deswegen vielleicht revoltieren könnten? Wo verleiben die restlichen Überreichen auf „Elysium“? Warum bekommt man keinen Blick auf sie? Wie kam es zu einem neuem Gefängnissystem, in welchem Max (emotional überzeugend: Matt Damon), ein Ex-Sträfling, nun sein klägliches Dasein fristet? Und nun versucht, nach diesem wieder über die Runden zu kommen?

Wie konnten Gruppierungen entstehen, die gegen die soziale Unterdrückung ankämpfen? Auf diese auftauchenden Fragen lässt sich während der schnell verfliegenden Laufzeit von 110 Minuten keinerlei Antworten finden. Das Publikum wird in „Elysium“ in ein apokalyptisches Szenario versetzt, das sich strikt weigert, dieses über die Ursachen unserer Missstände auf unserer Welt in Kenntnis zu setzen.

Neill Blomkamp versteht es zwar gekonnt, virtuos actionreich und kurzweilig zu inszenieren, legt mit „Elysium“ am Ende aber doch nur einen Actioner mit plakativem Anti-Terror Thrill hin, der versucht, sich Dank der zwischendurch eingestreuten, moralischen Grautöne seines Helden vom mittlerweile üblichem Big-Budget-Kino aus Hollywood zu entkoppeln. Aber auf Grund des konventionellem Ausgangs der Geschichte, welche sich das Publikum im Verlaufe recht zügig ausmalen kann, bleibt man in seinem eigenem Erwartungs-Vakuum gefangen.

Vieles bleibt trivial bzw. entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein klassischer McGuffin, wie etwa die Motivationen  der wieder klassisch gezeichneten Gegenspieler, welche sich doch nur als ein zu grobes, rein militärisches Mittel zum Zweck erweisen, um die Menschheit zu unterjochen.  Die eigenen Machtansprüche bleiben pure Behauptung.

Was springt für eine skrupellose Militär-Marionette wie Delacourt ( solide und zu schnell in ihrer Rolle ablebend: Jodie Foster) beispielsweise dabei heraus, wenn sie ihre Pläne wirklich durchzieht? Welche persönlichen Pläne verfolgt sie auf Elysium? Vielleicht einen noch höheren Aufstieg, um sich auch von den normal lebenden Menschen auf „Elysium“ abgrenzen zu können, da eventuell auch die Armut auf Elysium auf Dauer zunehmen wird? Kommt gerade deswegen ein unfreiwilliger Held wie Max (Matt Damon) als Erlöser der Menschheit gerade recht, um den Status Quo aufzulösen?

Damit letzten Endes wieder ein gerechtes Gefüge auf der Heimatwelt installiert werden kann? Und sich am Ende alles in Wohlgefallen auflöst? Neill Blompkamps „Elysium“ drückt sich (außer im Falle seines Protagonisten) um die Ausschöpfung des sichtbar vorhandenen Potentials der Ambivalenzen der eigenen Figuren und verschiebt das wichtige, thematische „wieso, weshalb und warum“ . Vieles bleibt am Ende im Dunkeln.

Das Publikum hingegen verlangt nach Antworten. Ebenso fehlt am Ende von „Elysium“, neben allen glücklich wirkenden Gesichtern, ein echter Lösungsansatz, wie wir die modernen Probleme unserer Welt nach Vernichtung aller oberflächlichen Diktatur wirklich in den Griff bekommen könnten. Nachdem Gegenspieler Kruger (mit sichtlichem Spaß bei der Sache und schauspielerisch überzeugend: Sharlto Copley), dessen Beweggründe der eigenen Aktionen auf auch das Nötigste eingedampft wurden, viel zu früh das Zeitliche gesegnet hat. Darüber hinaus vermisst man in „Elysium“ trotz aller inszenatorischen Ernsthaftigkeit den einen oder anderen satirischen Seitenhieb. Besonders auf das Bürgertum auf „Elysium“ selbst, das es sich fernab aller Krankheit und Armut bequem machen durfte. Und das man leider kaum zu Gesicht bekommt.

Wie kernige Action-Thriller mit viel satirischem Biss, gelungenem Witz und Lupen auf eine moderne, unterdrückte Gesellschaft trotz aller dramaturgischen Konventionalität besser funktionieren, zeigen beispielsweise 90er Jahre Vertreter wie Sylvester Stallones „Demolition Man“. Oder Paul Verhoevens Science-Fiction-Action Klassiker „Robocop“ und „Total Recall.“

Nichtsdesto trotz vermag Neill Blompkamps Science-Fiction-Action-Thriller „Elysium“ in seinen wenigen, stärksten, von Matt Damon gespielten Momenten sogar emotional zu berühren und in seinen starken Actionmomenten sogar zu fesseln. „Elysium“ offenbart sich am Ende als solide bis durchschnittlich wirkendes, modernes, mit erstklassig visuellem Bombast versehenes State-Of-The-Art Action-Blockbusterkino.



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INHALT

Im Jahr 2159 ist die Menschheit in zwei Klassen aufgeteilt: Die wenigen Reichen, die in einer luxuriösen Raumstation namens Elysium leben, und den Rest, der auf der vollkommen ruinierten, überbevölkerten Erde dahinvegetiert. Die politische Hardlinerin Rhodes (Jodie Foster) vertritt die Regierung und geht für den Schutz des Luxus-Status der Raumstation und ihrer Bewohner buchstäblich über Leichen. Sie vertritt sehr strenge Anti-Immigrations-Gesetze, doch das hindert die verarmten und verzweifelten Menschenmassen auf der Erde nicht, zahlreiche Versuche zu unternehmen, um nach Elysium zu gelangen. Unterstützt wird Rhodes von dem Soldaten Kruger (Sharlto Copley), der auf der Erde die Drecksarbeit für sie erledigt. Der vorbestrafte Arbeiter Max (Matt Damon) ist eine der vielen hoffnungslosen Seelen auf dem blauen Planeten. Er bekommt nach einem Arbeitsunfall mit radioaktiver Strahlung die erschütternde Diagnose, dass er innerhalb der nächsten fünf Tage sterben wird - es sei denn, er gelangt nach Elysium, denn auf dem fortschrittlichen Raumschiff gibt es ausgezeichnete medizinische Möglichkeiten, die der Oberschicht vorbehalten sind. Max lässt sich einen androiden Kampfanzug an den Körper operieren und zieht fortan in den Krieg gegen die anhaltende soziale Ungerechtigkeit
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