KRITIK

Elling

Elling Das Leben der Geistesgestörten übt wohl allein deshalb Faszination auf Filmemacher aus, weil die heimliche Sehnsucht nach einer Romantisierung der eigenen Rolle als herrlich verrückter Künstler hier stellvertretend gestillt werden darf. Zumindest jene liebenswert-verschrobenen Sonderlinge, die sich zwar an den praktischen Erfordernissen des Alltags gehörig das psychotische Köpfchen stoßen, aber dafür menschlich hochbegabt das Schicksal meistern, sind dankbare Außenseiter-Helden mit trostgewissem Identifikations-Appeal – und allemal attraktiver als die wirklich hundsgefährlichen Irren.
Der norwegische Theater-Regisseur Petter Naess aber vermeidet es im Gegensatz zu vielen Klapsmühlen-Stürmern und Klinik-Voyeuren, seine Fabel zweier schräger Vögel im Kuckucksnest zur Streichelzoo-Ballade des vorbildlich Andersartigen zu verkitschen, oder gar auf Krankenkasse zu spekulieren. „Elling“, in diesem Jahr nominiert für den Oscar als bester nichtenglischsprachiger Film, erzählt die unprätentiöse und angenehm mitleidlose Geschichte einer beschwerlichen Rückreise in die Normalität der Großstadtwirren. Getragen von einem Humor, der sich nicht lustig und die Figuren nicht lächerlich macht.
Der Film basiert auf dem Roman „Blutsbrüder“ des norwegischen Schriftstellers Ingvar Ambjìrnsen, der um den sympathischen Ödipussi eine Trilogie gedichtet hat und darüber hinaus für grandiose Trinker-Literatur bekannt ist („Weiße Nigger“). Die kongeniale Adaption von Petter Naess und seinem Drehbuchautor Axel Hellstenius verfolgt den Stolperweg des Psycho-Paares mit berührender Warmherzigkeit, ohne dass je ins Tränenselig-Tragische überzogen würde. Selbst das dicke, glückliche Ende hält den ambivalent-amüsanten Ton. Während Kjell Bjarne erfolgreich mit einer schwangeren Halbasozialen aus der Nachbarschaft anbändelt und in geborgter Unterwäsche volle Manneskraft entfaltet, entdeckt Elling seine lyrische Ader und versteckt krude Gedichte in Supermarkt-Regalen. Als anonymer Sauerkraut-Poet „E.“ wird er das subversivste Muttersöhnchen aller Zeiten. Patrick Wildermann



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INHALT

Der Titelheld Elling, ein wertkonservativer Hanswurst im Strickpulli, wird durch den Tod seiner geliebten Mutti derart aus der Bahn geworfen, dass er für zwei Jahre in der Anstalt landet, wo er sich mühsam an die Existenz ohne Nabelschnur gewöhnen muss.
Sein Zimmer- und Leidensgenosse, der grobschlächtig-einfältige Kjell Bjarne, hat hingegen mit anderen libidinösen Verkrampfungen zu kämpfen: Er sehnt den ersten Sex mit einer Frau herbei. Als beide für entlassungsreif befunden werden, teilt der Staat Norwegen ihnen eine hübsche Sozialwohnung und einen ruppigen Fürsorger zu. Dieser Frank verzweifelt zwar schier an seinen unbeholfenen Schützlingen, bringt ihnen jedoch mit Engelsgeduld elementare Verrichtungen wie Einkaufen und Telefonieren bei. Und obwohl Verfehlungen wie horrende Rechnungen für heiße Nummern irritieren, glücken den Verkorksten bald erste sichere Schritte ins Leben.
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Eure Kritiken zu Elling

  1. Sneakman

    Ein suesser FilmHabe Elling in der Sneak gesehen, ein wirklich aussergewoehnlicher Film. Nicht weil er eine auf Mitfuehlen heischende Geschichte erzaehlt, sondern weil er durch vorhnehme Zurueckhaltung positiv ueberrascht. Elling ist ein absolut liebenswerter Kerl. Auch wenn solche Typen den Vorstellungen eines norwegischen Theaterregisseurs entspringen, man hat nachher wirklich das Gefuehl, den psychisch behinderten mal naeher zu kommen.

  2. Totti

    Was für ein Film..und das aus Norwegen. Habe viel gelacht..

    Zwei absolut klasse Hauptdarsteller, die nie langweilen.

    Reingehen und mitlachen..

  3. Rainer

    Männer und PoetenFilme über psychisch Erkrankte können es wagen, der „normalen“ Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, wenn man dabei noch lachen kann wie in diesem Fall, dann um so besser. Ein skandinavisches Kleinod am europäischen Komödienhimmel.

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