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Elle

Bild (c) MFA Filmdistribution.

Paul Verhoeven ist der berühmteste Regisseur der Niederlande. Zuletzt richtete er als Jury-Chef der 2017er-Berlinale über die Vergabe des Goldenen Bären. Ansonsten dreht der inzwischen 78-Jährige, der mit Sci-Fi-Action wie „RoboCop“ und Erotik-Reißern wie „Basic Instinct“ berühmt wurde, nur noch alle Jubeljahre einen Film. Die sind dann allerdings zumeist sehr gut. Wie sein Film „Black Book“ zum Beispiel. „Elle“ ist nun sogar ein echtes Meisterwerk geworden. Ein Instant-Kultfilm.

Gleich am Anfang steht eine Vergewaltigung, inszeniert in schnellen, harten, unbarmherzigen Schnitten. Michèle Leblanc, taffe Chefin einer Videospielfirma, wird zu Hause von einem maskierten Unbekannten überfallen, doch verhält sie sich danach irritierend gleichgültig. Was folgt, ist eine kuriose Film-Mischung, die reizvolle Haken schlägt: Wenn Michèles kulturbourgeoises Umfeld beleuchtet wird, schimmert die satirische Romanvorlage (von Philippe Djian) durch, dann wiederum scheint alles auf einen cleveren Rachethriller hinauszulaufen.

Wenn Michèles schreckliche Kindheitserinnerungen ans Licht kommen, gewinnt phasenweise ein Psychodrama die Oberhand, bis sich für eine Weile ein Erotikfilm nach typisch Verhoevenscher Manier durchsetzt, in dem sich Michèle mit dem schnell enttarnten Vergewaltiger ein abgründiges Katz-und-Maus-Spiel liefert, das jedes öde „Shades of Grey“-Gefuchtel locker an die Wand skandalisiert.

Warum das alles nie zur schwiemeligen Männerfantasie wird? Weil Verhoeven so effektiv wie elegant-verspielt inszeniert – und weil die Hauptfigur unendlich faszinierend ist. Dabei wollte die Rolle zunächst in Hollywood niemand übernehmen. Michèle schillert in allen vorstellbaren Nuancen zwischen hart und mädchenhaft, manipulativ und charmant, devot und dominant. Als Opfer dreht sie den Spieß um – auf unerwartete Weise. Der Film ist nicht nur heftig, romantisch und witzig, sondern auch auf erfrischend verquere Art feministisch. Für Isabelle Huppert, die große herbe Intellektuelle des französischen Films, ist es die bisher wohl stärkste Hauptrolle ihrer Karriere. Für die 2017er Oscars ist sie somit eine ganz heiße Kandidatin. Herausragend. Nicht verpassen!

 

Kritikerspiegel



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Sascha Westphal
epd film, WAZ
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
8.5/10 ★★★★★★★★½☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem monatlichen Kritikerspiegel.

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