KRITIK

Elementarteilchen

Elementarteilchen

Das Einzige, was wirklich funktioniert, wenn man Kälte und Einsamkeit entfliehen will, ist Sex. Alkohol hilft natürlich auch, allerdings weniger gründlich – sagt Michel Houellebecq, der sich schon mit seinem Roman-Debüt „Die Ausweitung der Kampfzone“ den Ruf eingehandelt hat, Frankreichs erfolgreichster Skandalautor zu sein und seitdem gerne als Porno-Provokateur und Radikal-Misanthrop missverstanden wird. Houellebecq wendet in seinen abgründig-amüsanten Büchern die Marktgesetze des Kapitalismus aufs Geschlechtliche an und sinniert, so etwa in „Elementarteilchen“, über die Fortschritte der Reproduktionsmedizin, die künftig alle Lust ersetzt.

Es braucht nicht viel, um dahinter den sehnsuchtsvollen Moralisten auszumachen, weswegen es sich gut trifft, dass der deutsche „Elementarteilchen“-Regisseur Oskar Roehler („Suck My Dick“) sich als Romantiker geoutet hat, der mit Houellebecq eigentlich eine Liebesgeschichte erzählen möchte.

Die Halbbrüder Bruno (Moritz Bleibtreu) und Michael (Christian Ulmen), Kinder einer selbstsüchtigen 68er-Mutter auf dem Guru-Trip, sind in ihrer wesensverschiedenen Art beide zu libidogestörten, vereinsamten Männern herangewachsen. Während der Lehrer Bruno sein Heil in Sex mit jungen Mädchen sucht, ist dem Klonforscher Michael alle Begierde fremd. Und doch finden sie die Liebe ihres Lebens – mit mehr und weniger glücklichem Ausgang. Der getriebene Bruno lernt in einem Esoteriker-Camp Christiane kennen (eine Wucht: Martina Gedeck), mit der er fortan die Freuden der freien Swingerclub-Erotik auslebt, während Michael von seiner Jugendfreundin Annabelle (eher blass: Franka Potente) späte Zärtlichkeit erfährt.

Da Michel Houellebecq mehr Essayist als Romancier ist, haben sich Oskar Roehler und sein Produzent Bernd Eichinger in ihrer Bestsellerverfilmung mit deutschem Staraufgebot auf die wenigen Handlungspassagen beschränken müssen – mit achtbarem Ergebnis. Ihre Interpretation ist ein spiegelbildlicher Versuch über das Männerleid, und damit kennt der Regisseur sich aus. Zwar stößt Christian Ulmen hier an die Grenzen seines Schauspielvermögens, doch der formidable Moritz Bleibtreu („Silberner Bär“ 2006 als „Bester Darsteller“), der seine Rolle des sexbesessenen Uni-Bibliothekars aus Roehlers „Agnes und seine Brüder“ fortführt, trifft als Bruno dafür umso besser den Houellebecq-Ton – whiskeyselig, sexsüchtig und schonungslos ehrlich.



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INHALT

Michael und Bruno sind Halbbrüder, wie sie verschiedener kaum sein könnten. Ihre Mutter Jane führte einst ein unbekümmertes Jet-Set-Leben - ihre Söhne wuchsen derweil getrennt voneinander bei den Großmüttern auf. Während der introvertierte Molekularbiologe Michael sich lieber um seine Genforschungen als um Frauen kümmert, drücken sich Brunos "Kontakte" zum weiblichen Geschlecht mehr im Kopf oder im Bordell aus.

Schließlich aber begegnen beide der Liebe ihres Lebens: Michael trifft seine ehemalige Schulfreundin Annabelle wieder, mit der ihn seit Kindesbeinen eine scheue Zuneigung verbindet. Bruno dagegen lernt in einem esoterischen Urlaubscamp Christiane kennen, mit der er endlich auch seine sexuellen Obsessionen ausleben kann. Doch das Glück scheint von kurzer Dauer – beide Frauen erkranken schwer. Bruno und Michael stehen vor einer ultimativen Entscheidung: altgewohnte Einsamkeit oder neuartige Zweisamkeit
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Eure Kritiken zu Elementarteilchen

  1. Sneaker

    Gute Darstellerinnen, immerhin. Aber die Story produziert zu viel Indifferenz. Bruno (Bleibtreu) war als Arschloch einigermaßen originell, als geläuterter Liebhaber jedoch suboptimal. Michael (Ulmen) war übertrieben phlegmatisch und z. T. unglaubwürdig. Gute Songs, z. T. herrrlich zynische Dialoge.

  2. Sascha

    Ganz ehrlich. Der Film ist Mist. Man muss schon so ein Fan von sowas sein. Wie bei Per Anhalter durch die Galaxi (auch so ein Mist). In diesem Film ist Poppen Thema Nr. 1. Ausserdem zieht er sich wahnsinnig in die Länge und genau genommen gibt es kein Thema das mit dem Titel in Verbindung gebracht werden kann. Was auch immer Elementarteilchen bedeuten soll, mit dem Inhalt vom Film hat es rein 0 zu tun. Da muss man mal wieder sagen: typisch deutscher Film. Die können nur Bettszenen zeigen und kein langfristig spannendes und interessantes Gespräch zeigen. Ich empfehle den Film nicht und schon gar nicht für die regulären Kinopreise. Selbst für die Sneakpreise von 4,50€ war jeder cent zuviel! Franka Potente hat im übrigen auch schon bessere Rollen gehabt. Trotz deutschen Top-Schauspielern nur ein mäßig guter Film!

  3. nina

    mir hat der film einigermaßen gefallen. er ist zwar nicht unbedingt für die große leinwand und wahrscheinlich auch nicht für die masse gut, aber dennoch ist es ein spannender film. er will einiges über die düstere seele erzählen und über die sehnsucht nach liebe und geborgenheit. man muss vielleicht zwischen den zeilen lesen, um die melancholie der zum teil skurrilen szenen zu sehen. für einen sofa-abend völlig i.o.

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