KRITIK

Eisenfresser

Eisenfresser Mit seinem Film „Eisenfresser“ kehrt der Regisseur Shaheen Dill-Riaz an den Ort seiner Kindheit – den einstmals weißen Strand von Chittagong zurück. Heute findet er dort aber keine reiche Fischindustrie, sondern die Schiffsabwrackwerften von Bangladesch vor. Ein Ort, der im Laufe der letzten Jahre zu ungeliebtem Weltruhm gekommen ist. Die Bilder, wie bereits 16jährige barfuss auf den alten Industriegiganten herumklettern und unter der gefährlichsten Bedingungen als Leiharbeiter unseren Industrieschrott entsorgen, sind mehrfach um die Welt gegangen. Auch der Dokumentarfilmer Michael Glawogger hat hier beispielsweise die passenden Bilder für sein „Working Man´s Dead“ gefunden.

Regisseur und Autor Shaheen Dill-Riaz wurde selbst erst über die Fotografien von Sebastian Salgado auf das Treiben in der Nachbarschaft aufmerksam. Über zwei Jahre hat der HFF Babelsberg-Absolvent recherchiert und auf die Drehgenehmigung gewartet, bis er lediglich mit einem vierköpfigen Team für vier Monate das große Areal der PHP-Werft besuchen durfte. Dieses wurde ihm von der Bangladesh Shipbreakers Association als Drehort vorgeschlagen.

In diesen vier Monaten wurde Regisseur Shaheen Dill-Riaz Zeuge eines Systems von Ausbeutung, dem nur die wenigsten Arbeiter entkommen können: Die Saisonarbeiter aus dem armen und vom Reisanbau geprägten Norden erledigen nicht nur die gefährlichsten Arbeiten auf der Werft, sondern geraten dabei auch in eine ausweglose Schuldenfalle. Vor Ort müssen sich die Arbeiter selbst um Verpflegung und Unterschlupf kümmern. Das führt schnell dazu, dass am Ende des Monats nur noch wenig vom eigentlichen Lohn übrig bleibt und die Arbeiter in ein undurchschaubares System von Vorschusszahlungen und einbehaltenen Lohnabzügen getrieben werden. Meist bleibt am Ende nicht einmal das Geld für ein Busticket für die Fahrt nach Hause, der Lohn liegt umgerechnet bei 13 Cent pro Stunde.

Filmemacher Shaheen Dill-Riaz macht diese existenzielle Bedrohung geradezu fühlbar. Mit einer Handkamera auf der Schulter begleitet er die Arbeiter von ihrer Heimat im Norden, wo sie die in der Regenzeit unbestellbar gewordenen Felder für ein paar Monate verlassen, über die holprigen Straßen bis in den Schlamm der Werft, in die Schiffsbäuche und die kargen Gruppenunterkünfte. Durch den Fokus auf eine Gruppe und die daraus resultierende Nähe zu ihren Mitgliedern gelingt Dill-Riaz eine authentische Innensicht auf ihre halsbrecherische Arbeit, deren Wahnwitz er großteils in monumentalen Totalen herausarbeitet. Hier funktioniert die Dokumentation auf der großen Leinwand perfekt. Die bearbeiteten Bilder sind von beeindruckender Intensität, obwohl Dill-Riaz hier nichts verklärt. Seine Nähe zu den Figuren und die damit eingefangenen Bedingungen sind schon unschön genug. Wackelige und düstere und um Authentizität bemühte Bilder hat diese beeindruckende Dokumentation gar nicht nötig.



Ähnliche Beiträge:

INHALT

Eine Dokumentation über die Arbeit sowie die unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf den Schiffsfriedhöfen an den Stränden von Chittagong im Süden von Bangladesh.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eure Kritiken zu Eisenfresser

  1. Jens

    Sollte man nicht verpassen!

  2. Skepterin

    Genau solche Filme muss es geben! Wie soll die Welt sonst erfahren, was schreckliches passiert? Ein Film ist für Interessierte immer einfach – wenn auch schwer zu verdauen.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*