KRITIK

Eine dunkle Begierde

Plakat zum Film Eine dunkle BegierdeUm 1900 war die Welt noch in Ordnung. Zumindest für Wohlhabende. Man gab sich gepflegt, wusste, was man durfte und vor allem: was nicht. Dann brach in jene Jahre, in denen die Moderne die Welt eroberte, eine Methode, die unter die Oberfläche drang, ins Unbewusste vorstieß, das Intimste hervorholen wollte: die Psychoanalyse, in Wien 1890 von Sigmund Freud entwickelt. Ungeheuerlich!

„Eine dunkle Begierde“ eröffnet mit einer Hysterie: Die junge Russin Sabina Spielrein ist außer sich. Keira Knightley spielt das nah an der Schmiere, kreischend, grimassierend, over-acted. Im Zürcher Burghölzli, der Klinik des Psychiaters Carl Gustav Jung, unterzieht sie sich der neuen Methode und stößt auf die traumatischen Gründe für ihre Sexualneurose. Während Jung sich schließlich auf eine sadomasochistische Beziehung zu der Patientin (und späteren Nervenärztin) einlässt, die er abrupt wieder beendet, entwickelt sich zu Analyse-Guru Freud eine berufliche Freundschaft. Bis zum Zerwürfnis: Freud wünscht, dass Jung die Psychoanalyse aus der antisemitisch bedrängten jüdischen Ecke holt, doch der Jüngere driftet ab ins Esoterische. Der Film bricht ab am Vorabend des Ersten Weltkriegs – bezieht also weder die Ermordung Spielreins durch die SS noch Jungs antisemitische Entgleisungen ein.

Szene aus dem Film Eine dunkle BegierdeDas neue Werk von David Cronenberg („Eastern Promises – Tödliche Versprechen„, 2007) ist Klinik-, Dreiecks- und Ideengeschichte zugleich: Hauptsächlich folgt man Gesprächen in edlen Räumen oder aus dem Off vorgetragenen Briefen, Dialogen zwischen Arzt und Patientin, zwischen Sexualpartnern, zwischen Psychiater-Koryphäen. Dass das nie zu trocken wird, liegt an Cronenbergs konzentrierter, analytischer Inszenierung, die auch Raum für Witz lässt.

Und es liegt vor allem an den Darstellern: Viggo Mortensen („The Road„) als väterlicher Freud, und vor allem Michael Fassbender („Hunger“), suchend, nickelbebrillt und schnurrbärtig, als C. G. Jung. Der Mann, der dieses Jahr schon als Magneto im „X-Men“-Prequel glänzte, ist spätestens jetzt in der Top-Riege der A-Schauspieler in Hollywood angekommen. Sehenswert.

 

Kritikerspiegel Eine dunkle Begierde



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Dimitrios Athanassiou
Moviemaze.de
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
7.5/10 ★★★★★★★½☆☆ 





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INHALT

C.G. Jung (Michael Fassbender) und Sigmund Freud (Viggo Mortensen) arbeiten an bahnbrechenden Erkenntnissen, die das moderne Denken revolutionieren sollen. Doch als die verführerische Sabina Spielrein (Keira Knightley) auftaucht, geraten sie schnell an ihre Grenzen. Für Jung ist Sabina, die in seine Klinik in Zürich eingeliefert wird, nicht nur eine psychisch labile Patientin von vielen - er kann sich der geheimnisvollen Anziehungskraft seines Studienobjekts nicht lange entziehen. So beginnt zwischen beiden eine leidenschaftliche Affäre. Als diese jäh endet, flüchtet Sabina zu Jungs Mentor Sigmund Freud nach Wien. Der aber kann sich ihrer Faszination ebenso wenig entziehen wie sein junger Schüler. Er nimmt sie bei sich auf und bildet sie zur Analytikerin aus. So wird Sabina Spielrein letztlich zur Muse beider. In dieser fatalen Dreiecksbeziehung verschwimmen die Grenzen ihrer Wissenschaft in einem Strudel aus geheimen Sehnsüchten, tief verwurzelten Ängsten und unterdrückter Begierde. Und bald werden in einem Machtkampf intellektueller Eitelkeiten aus einstigen Freunden erbitterte Gegenspieler.
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