KRITIK

Ein russischer Sommer

Ein russischer Sommer Seit 48 Jahren lebt sie mit ihrem nicht immer einfachen Ehemann zusammen, sechs Kinder hat sie ihm geboren, fünfmal hat sie „Krieg und Frieden“ handschriftlich kopiert – und jetzt will der achtzigjährige russische Großschriftsteller das Erbe ans Volk verschleudern? Gräfin Sofia Tolstoi bebt vor Zorn. Und selten hat man im Kino Zornesbeben so leidenschaftlich serviert bekommen wie hier: Helen Mirren ist durch ihre Performance als resolute Autorengattin definitv im Oscarrennen.

Das Szenario, das auf einem Roman des Literaturgelehrten Jay Parini basiert, ist historisch und konzentriert sich auf die letzten Wochen im Leben des Lew Tolstoi anno 1910, also sieben Jahre vor der Revolution.

Der „Anna Karenina“-Schöpfer ist längst zur allseits umschwärmten Prophetenfigur eines sektengleichen Zirkels von Religionskritikern und asketischen Sozialreformern geworden und hat sich vom Verleger Tschertkow, dem einflussreichsten dieser „Tolstoianer“, dazu überreden lassen, die lukrativen Rechte an seinem Gesamtwerk dem Volk zu überlassen.

Für Gattin Sofia ist das ein Angriff auf das Wohl ihrer Familie und führt direkt hinein in ein ebenso anrührendes wie furioses Ehescharmützel zwischen Hysterie, Gleichmut und Zärtlichkeit, in dem sich „Dr. Parnassus“ Christopher Plummer als Tolstoi und Helen Mirren („Die Queen“) aufs Schönste Paroli bieten – bis sich Tolstoi kurz vor seinem Tod tatsächlich zum Sterben in die Einsamkeit zurückzieht. Eine Einsamkeit ist das freilich, bei der ziemlich viele Reporter zuschauen.

Neben Plummer und Mirren wächst in Michael Hoffmans („Ein Sommernachtstraum“) routinierter Inszenierung naturgemäß kein Gras, auch der stets wunderbare Paul Giamatti („Duplicity“) als Tschertkow oder James Mc­Avoy („Abbitte“) als Sekretär, der zwischen die Fronten gerät, können darin nur wenig Akzente setzen. Doch das Vergnügen an diesem vorwiegend in Sachsen-Anhalt gedrehten literaturhistorischen Infotainment schmälert das nicht. Im Besten Sinne hervorragendes Schauspielerkino.



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INHALT

1910. Leo Tolstois Frau Sofia, seit 48 Jahren mit dem weltberühmten Autor verheiratet, ist außer sich: Tolstois engster Vertrauter Tschertkow hat ihren geliebten Mann hinter ihrem Rücken dazu überredet, die wertvollen Rechte an seinen Werken nicht ihr und den gemeinsamen Kindern, sondern dem russischen Volk zu vermachen. Und das, obwohl sie ihm ihr Leben gewidmet hat. Ja sogar, eigenhändig, das Manuskript von "Krieg und Frieden“ sechs Mal abgeschrieben hat!

Voller Leidenschaft nimmt sie den Kampf um ihr gutes Recht auf – doch an den Idealen (und dem Ego) ihres Mannes ist nicht zu rütteln. Je mehr Sofia wie eine Furie durch den herrschaftlichen Familiensitz fegt, desto leichter wird es für Tschertkow, Tolstoi von der Richtigkeit seiner Entscheidung zu überzeugen. Genau zwischen die Fronten dieses Minenfelds gerät Walentin (James McAvoy), Tolstois junger neuer Sekretär. Als glühender Verehrer bewundert er vor allem Tolstois Ansichten über die bedingungslose Liebe – auch wenn sich seine eigenen Erfahrungen auf diesem Gebiet bisher noch in Grenzen halten. Ganz im Gegensatz zur schönen und geistreichen Lehrerin Mascha, die ihre Gedanken über freie Liebe und Sex zum Erstaunen Valentins offen und unbekümmert äußert.Während der Konflikt zwischen Tolstoi und Sofia epische Ausmaße annimmt und eine wunderbare, lebenslange Liebe nach Jahren des Glücks zum Scheitern zu bringen scheint, lernt Walentin selbst in diesem Sommer die Liebe endlich kennen…
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