KRITIK

Ein Geheimnis

Ein Geheimnis Nein, ein Athlet ist er nicht, und er wird auch keiner werden: Traurig blickt der kleine François anno 1955 im Freibad auf die Idealkörper seiner Eltern. Tania (Cécile de France, „Chanson d` Amour“) und Maxime (Patrick Bruel, „Geheime Staatsaffären“) Grinberg sind Sportler, vom schwächlichen Sohn ist der Vater enttäuscht. Maxime aber verdrängt nicht nur seine jüdische Herkunft, und von der ungeheuren Begebenheit, der François seine Existenz verdankt, weiß der sensible Junge nichts.

Die Enthüllung dieses Geheimnisses, das privates Liebes(un)glück mit politisch-historischem Schicksal auf grausame Weise verbindet, ist der Fluchtpunkt dieses über mehrere Zeitebenen verteilten Melodrams: François` Kindheit, dann seine Jugend, in der ihm von der Nachbarin Louise (Julie Depardieu erhielt für ihre Rolle als lesbische Jüdin den César) die Geschichte der Eltern aufgedeckt wird, leiten über in die eigentliche Vorgeschichte vor und während des Zweiten Weltkriegs; dazwischen erinnert sich Mathieu Almaric (der letzte 007-Schurke) als erwachsener François – in Schwarzweiß, während sich die Tragödie in sommerlichster Farbenfreude entfaltet.

Seit 20 Jahren, seit „Die kleine Diebin“ mit der jungen Charlotte Gainsbourg, ist kein Film von Claude Miller mehr in die deutschen Kinos gelangt – schön, dass dies nun wenigstens mit dieser beinahe psychoanalytisch durchgeführten und inszenatorisch makellosen Verfilmung des autobiografischen Romans von Philippe Grimbert (dem „François“ des Films) endlich wieder geschieht.

Denn Feinarbeiter Miller lotst ausnahmslos brillante Darsteller durch die Zeitebenen: Neben France, Bruel, Depardieu glänzt wieder einmal Ludivine Sagnier („Die zweigeteilte Frau“): Sie spielt Hannah, Maximes erste jüdische Frau, die aus Liebeskummer mitten im Nazi-Terror jenen horrenden Verrat begeht, der aus Entsetzen neues Glück erwachsen lässt. Tabu und Verdrängung: Selten wurde das so poetisch wie beklemmend auf die Leinwand gebracht. Sehenswert.



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INHALT

Der jüdische Junge François lebt mit seinen Eltern im Frankreich der Nachkriegszeit. An seinem 15. Geburtstag erfährt er von dem Geheimnis seiner Familie, das in die Zeit vor und während der deutschen Besatzung zurückführt. Verfilmung des gleichnamigen Romans von Philippe Grimbert.
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Eure Kritiken zu Ein Geheimnis

  1. nina

    Ein dichter, emotionaler und schwerer Film mit ganz großartigen Darstellern. Französisches Kino deluxe.

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