KRITIK

Ein ganz gewöhnlicher Jude

Ein ganz gewöhnlicher Jude
Eine Journalistenwohnung. Alles hat seinen Platz, die Wände sind in dunklen Blautönen gestrichenen. Das Bücherregal platzt aus allen Nähten, die Küche ist aufgeräumt und gut ausgestattet, der Schreibtisch ist nebst alter Schreibmaschine nah am Fenster mitten im Raum platziert. Von übertriebenem Luxus keine Spur. Ganz im Gegenteil. Einige Zeitungen liegen auf dem Boden, ganz so, wie man es sich in einer Wohnung eines jüdischen Journalisten, der alleine lebt, vorstellt. Der Zuschauer ist zu Gast bei Emanuel Goldfarb aus Hamburg. Emanuel Goldfarb hat soeben von einem Freund der jüdischen Gemeinde eine Einladung in die Hand gedrückt bekommen. Ob es möglich sei, an einer Schule am Sozialkundeunterricht der achten Klasse teilzunehmen und Fragen der Schüler zu beantworten, wird in der netten Einladung gefragt. Studienrat Gebhardt sucht einen Juden zum Anfassen, da er aber persönlich keinen kenne, richtet er seine Bitte an die Jüdische Gemeinde. Goldfarb ist Journalist. Die Gemeinde hält ihn für den „richtigen Mann“.

Das mit einem anbiedernden „herzlichen Schalom” unterzeichnete Schreiben löst bei Goldfarb jedoch keineswegs Interesse sondern in erster Linie Wut aus. Er formuliert eine Absage in sein Diktiergerät. Und so wird der Zuschauer in den nächsten 90 Minuten Zeuge eines Monologes eines eher ungewöhnlichen Juden, der eine Absage formuliert und über das „Judesein“ in Deutschland nachdenkt. Das Drehbuch entstammt der spitzen Feder des Schweizer Autoren Charles Lewinsky. Es ist kein rhetorisch brillanter Text, jedoch ist er nicht ohne Pointen oder wenig interessante Anekdoten und Weisheiten. Lewinsky regt sich über die „eklige Einfühlsamkeit” des „Judesein“ auf und über das mitleidige „Lea-Rosh-Gesicht”, das seinen Glaubensbrüdern anhaftet. Lewinskys Protagonist Goldfarb ist zudem noch von anderer Trauer erfüllt. Seine Frau hat ihn samt Kind verlassen, weil er einfach „so jüdisch sei“. Wie stelle ich mir einen Juden in Deutschland vor, der als Journalist mit Schwerpunkt Kultur arbeitet, frage ich mich an dieser Stelle? Wie einen blonden, aufgedrehten Ben Becker vielleicht, der immerzu durch seine Wohnung rennt wie ein Gehetzter, ein Getriebener, auf der Flucht vor sich selbst? Wie einen selbstverliebten Egomanen, der sein Gegenüber durch ein Diktiergerät ersetzt? Oder wie einen Anzug tragenden Geschichtenerzähler, der ständig seine Brille auf- und wieder absetzt? Nein. Becker ist hier falsch und fehlbesetzt, so falsch wie schon in „Comedian Hamonists“ als geschniegelter Musiker. Ein ganz gewöhnlicher Mensch möchte er sein. Ein ganz ungewöhnlicher Jude ist er, gespielt von einem Schauspieler, der sich mit über Vierzig noch immer für eine jugendliche Urgewalt hält und im Interview auf die Frage, ob er sich als ganz gewöhnlicher Deutscher fühle, sagt: „Nö, ein ganz gewöhnlicher bin ich nicht, ich bin Ben Becker”.<br

Schade. Gutes Drehbuch, gute Kamera, falsche Besetzung. Da hatte Hannelore Elstner in Hirschbiegels bereits vor vier Jahren gedrehtem Filmmonolog „Mein letzter Film” weitaus mehr Feingefühl zu bieten.



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INHALT

Irgendwo in Deutschland. Ein wohlmeinender Geschichtslehrer möchte seine Schulklasse mit einem leibhaftigen Juden konfrontieren. Der soll Auskunft geben, wie es sich so anfühlt in Deutschland, 60 Jahre nach dem Holocaust. Doch Emanuel Goldfarb, Journalist aus Hamburg und Adressat der Bitte, hat nicht die geringste Lust, den Musterjuden zu geben. Voller Zorn verfaßt er eine geharnischte Absage - die zur Bilanz des eigenen Lebens gerät.
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