KRITIK

Effi Briest

Effi Briest Werktreue, das ist so ein Begriff, der immer dann kursiert, wenn hohe Literatur auf dem Spielplan steht. Was genau darunter zu verstehen ist, kann zwar niemand so recht definieren, aber eine bestimmte konservative Fraktion meint damit wohl, der Autor solle von Texteingriffen und möglichst auch Interpretationen verschont bleiben. Kurioserweise ist Hermine Huntgeburths Fontane-Neuverfilmung „Effi Briest“ so gesehen überhaupt nicht werktreu zu nennen, aber sie wirkt trotzdem so.

Die Regisseurin hat etwa – und zwar gravierend! – das Ende des Romans verändert. Statt an gebrochenem Herzen zugrunde zu gehen, schiebt ihre Effi als allein erziehende Mutter stolzen Blickes den Rollwagen durch die Leihbibliothek und verhilft einer Tante-Emma-Emanzipation zum Sieg. Und trotzdem werden all jene den Film lieben, die einen über hundertjährigen Roman im Kostüm der Epoche und vor allem unberührt von aller Gegenwart sehen wollen.

Hermine Huntgeburth („Bibi Blocksberg“, „Die weiße Massai“) hübscht Fontanes Geschichte über die leidige Willkür gesellschaftlicher Konventionen zwar hier und da vulgär-freudianisch auf, besonders Effis Träume vom toten Chinesen im Kessiner Spukhaus geraten da zum Fall für die Couch. Ansonsten aber lässt sie sozusagen vom Blatt spielen. So sieht man einer Riege bekannter deutscher Schauspieler dabei zu, wie sie versuchen, sich an staubigen Dialogen nicht zu verschlucken. Tapfer und vergebens etwa müht sich Julia Jentsch als lieblos verheiratete Effi, die in der Hochzeitsnacht von ihrem zwanzig Jahre älteren Gemahl Geert von Innstetten (Sebastian Koch) quasi vergewaltigt wird. Eine Szene, die an Peinlichkeit nur noch vom ersten Orgasmus beim Stelldichein mit Major Crampas in der Strandhütte überboten wird. „Ist das jetzt Liebe?“, fragt Effi kulleräugig. „Nein, das ist Freiheit“, entgegnet der Filou.

Danach sieht man die junge Frau, wie sie in gefühlten fünfzig weiteren Einstellungen Röcke raffend durch die Dünen eilen, was jene Leidenschaft heraufbeschwören soll, die Huntgeburths zweistündiger Stellprobe in teuren Dekors grundlegend abgeht. Augenfällig wird der Mangel an Esprit allein schon an Sebastian Koch, der fortwährend eins der zwei ernsten Gesichter macht, die er beherrscht, das Weltliteratur-Gesicht. Das andere ist das Nazizeit-Gesicht, Marke „Speer und er.“ Nein, man muss nicht erst zum Vergleich Fassbinder bemühen, um das klägliche Scheitern dieses Films festzustellen.



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INHALT

Preußen im späten 19. Jahrhundert. Die heißblütige Effie Briest wird gemäß den strengen Regeln ihrer Zunft von ihren Eltern dazu verdonnert, Baron Instetten zu heiraten. Der politische Karrierist ist emotional ein kalter Brocken und zieht mit der 17-Jährigen in ein Ostseeörtchen, wo sie ein eintöniges Leben erwartet. Sie beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit Instettens Kamerad Major von Crampas.
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